Foto: Julia Halsinger STERNENFISCHER Freiwilligenzentrum Treptow-Köpenick

Themenwelt Flucht und Migration

Freiwilligenagenturen sind in der ehrenamtlichen Geflüchtetenarbeit Netzwerkknoten, Informationsdrehscheibe, Scharniere zwischen Zivilgesellschaft und Verwaltung – zu diesem Ergebnis kam die Studie „Engagement für Geflüchtete im Wandel“, die die bagfa und das DeZIM-Institut im Mai / Juni 2022 unter Freiwilligenagenturen durchgeführt haben. Die Studie beweist, was wir seit 2015 vermuten und seit der großen Fluchtbewegung 2022 als Folge des Angriffs auf die Ukraine bestätigt bekommen: Es braucht eine engagierte Zivilgesellschaft und die Netzwerke, Erfahrungen und Kompetenzen von Freiwilligenagenturen, um solche humanitären und gesellschaftlichen Herausforderungen nachhaltig bewältigen zu können. Es braucht Freiwilligenagenturen als stabile Kräfte, die auch dann aktiv bleiben, wenn sich der Wind dreht. 

Dies ist deutlich in der ehrenamtlichen Geflüchtetenarbeit festzustellen. Bewegte sich sie anfangs in einem positiven besetzten Feld, wie schon die Begriffe Sommer der Migration, Sternstunde der Zivilgesellschaft und Willkommenskultur im Jahr 2015 anzeigen, zeigt sich die gesellschaftliche Stimmung zehn Jahre später anders. Das Wort Remigration schafft es in die Alltagssprache und statt einem „Wir schaffen das!“ hört man aus dem Bundeskanzleramt „Wir müssen endlich mehr abschieben!“ Wie ambivalent das Engagement ist, zeigt die Studie „(Re-)Aktivierung der Zivilgesellschaft“, die das DeZIM-Institut Ende 2022 zum Engagement für und gegen Geflüchtete durchführte: Junge Menschen engagieren sich stärker im Themenfeld Flucht und Asyl als Ältere, insbesondere auf politischer Ebene. Personen, die sich gegen Geflüchtete engagieren, geben an, dass sie sich stark politisieren und zeitgleich vom politischen System entfremden. Aber es gibt auch Hoffnung: Das Potenzial im Engagement für Geflüchtete ist noch nicht ausgeschöpft, 16 Prozent der bisher nicht engagierten Befragten können sich vorstellen, in Zukunft für Geflüchtete aktiv zu werden.

Diese „stille Reserve“ bestätigt auch die Studie „Motive und Motivation in der Flüchtlingshilfe – Ergebnisse einer Befragung zum freiwilligen Engagement“, die der Sachverständigenrat für Integration und Migration im Jahr 2024 veröffentlichte. Fast die Hälfte der Befragten war in den zwölf Monaten vor der Erhebung freiwillig tätig, ca. 13 Prozent davon in der Geflüchtetenarbeit. Mehr als 30% der Engagierten, die sich bislang in anderen Themenfeldern engagierten, konnten sich auch einen Einsatz in der Geflüchtetenarbeit vorstellen, ebenso wie ca. 25% der Befragten, die sich bisher nicht engagierten.

Hier kommen Freiwilligenagenturen ins Spiel, die Menschen kontinuierlich und nachhaltig zum Engagement motivieren, vermitteln und begleiten, unabhängig von allen Engagementwunsch-Wellen. Diese sind immer dann hoch, wenn Krisen – wie z.B. der Angriff auf die Ukraine – stark in den Medien vertreten sind. Verblast der Medienhype, lässt auch der Engagementwunsch nach, nicht aber der Bedarf an Engagement. Freiwilligenagenturen können beides: Spontan auftretende, hohe Engagementwellen bedienen und bei nachlassender Engagementbereitschaft die stillen Reserven hervorholen. Damit sind sie unverzichtbare Player in der Geflüchtetenarbeit, denn das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Fluchthintergrund ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein langer Prozess. Auf unserem Thementag „Engagiert in der Geflüchtetenhilfe“ im Juli 2023 hat sich noch einmal bestätigt.

Typisch für das im ständigen Wandel begriffene Feld der ehrenamtlichen Geflüchtetenarbeit ist eine facettenreiche Engagementpalette: Vom Sortieren einer Kleiderspende über das Bearbeiten einer Website; vom punktuellen Dolmetschen bis zur mehrjährigen Patenschaft, vom Humanität motiviertes Willkommenheißen bis zum politischen Engagement ist alles möglich, jede:r sollte das Passende finden.

Ebenso unterschiedlich sind die Aufgaben von Freiwilligenagenturen: Sie informieren und beraten, vermitteln und koordinieren und setzen Impulse durch eigene Projekte. Mit unserem Wissenspool „Flucht und Migration“ wollen wir neueinsteigenden und erfahrenen Agenturen ermöglichen, das vielfältige Wirken anderer Agenturen kennen und so voneinander zu lernen. Gerne nehmen wir neue Beispiele auf!

Die Inhalte basieren auf den Erfahrungen und Texten des Projektes „Informieren, Vernetzen und Koordinieren: Freiwilligenagenturen in der Flüchtlingshilfe stärken“ (2016), gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und „Teilhabe durch Engagement: Das Engagement von und mit Flüchtlingen stärken – Begegnungen schaffen und Beteiligung ermöglichen“ (2016-2019), gefördert durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Die bagfa spricht grundsätzlich alle Menschen als engagierte Bürger:innen an. Nur wenn es die Erfahrung einer Flucht und des Ankommens in Deutschland notwendig macht, eine Differenzierung vorzunehmen, sprechen wir von „Menschen mit Fluchterfahrung“ oder „Geflüchteten“. Für die Auseinandersetzung mit Zuschreibungen über Sprache empfehlen wir das Diskussionspapier „Wider den Begriff ‚Flüchtling‘“ der Heinrich-Böll-Stiftung.

Die Aktualisierung und Erweiterung der Texte hat Gabi Klein von der Kölner Freiwilligen Agentur e.V. übernommen.