29.11.2023

Engagement, dort wo die Menschen sind: Im Internet

Rückblick zum Fachforum Online Gutes tun am 21. November 2023

12 Freiwilligenagenturen, eine stabile Internetverbindung und mehr als 250 digitale Engagementmöglichkeiten: Im Projekt Online Gutes tun drehte sich dieses Jahr alles um die Förderung von digitalem Engagement und deren Auswirkungen auf die konkrete Arbeit in Freiwilligenagenturen. Zum Projektende wurde im Fachforum am 21. November deutlich, dass digitales Engagement spezifische Anforderungen an Freiwilligenagenturen stellt. Welche genau das sind und wie die Standorte damit umgegangen sind, wird in der neuen Handreichung vorgestellt, die im Rahmen des Fachforums veröffentlicht wurde.

Tobias Kemnitzer, der Co-Geschäftsführer der bagfa, betonte in seiner Begrüßung die umfassenden Auswirkungen der Digitalisierung auf das Engagement. Dana Milovanovic, Referentin bei der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) hob in ihrem Impuls eindrücklich hervor, welche Bedeutung systematische Digitalisierungsprozesse für zivilgesellschaftliche Organisationen heute und in der Zukunft einnehmen. In Zeiten multipler gesellschaftlicher Herausforderungen ermöglicht digitales Engagement Teilhabe und eröffnet Räume für Engagement, die anderweitig nicht bestehen. Besonders für Menschen, die auf eine hohe Flexibilität in ihrem Engagement angewiesen sind oder sich gern mit ihren digitalen Kompetenzen einbringen wollen, sind solche Engagementmöglichkeiten attraktiv.

Warum digitales Engagement ein spannendes Arbeitsfeld für Freiwilligenagenturen ist, wird im Hinblick auf die Bedürfnisse von Organisationen deutlich:

Foto: DSEE/bundesfoto/Christina Czybik

“Digitales Engagement bietet nicht nur für die Engagierten selbst einen enormen Vorteil, auch die Organisationen profitieren davon: durch Skalierung, durch neue Kompetenzen, die in die Organisation gelangen, durch mehr Sichtbarkeit, eine diversere Aufstellung sowie einer größeren Attraktivität für neue Engagierte. Das Thema Nachwuchsgewinnung ist eines der Themen, die die Organisationen aktuell am meisten beschäftigen und bei Engagierten wächst der Wunsch nach einem Engagement außerhalb von Mitgliedsstrukturen.”

Dana Milovanovic, Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE)

Niedrigschwellige digitale Engagementgelegenheiten bieten deshalb spannende Möglichkeiten für Freiwilligenagenturen, neue Engagierte zu erreichen und die Digitalisierung in ihren Netzwerken vor Ort sinnvoll zu unterstützen.

Digitales Engagement fördern – kein Sprint, sondern ein Marathon

Im anschließenden Talk bekamen die Teilnehmenden einen tieferen Einblick in die konkrete Projektstruktur. Moderiert von Julia Junge, die als Organisationsentwicklerin und Coach zivilgesellschaftliche Organisationen bei der Digitalisierung unterstützt, kamen neben der Projektleitung Anne Pahl von der bagfa auch zwei der Freiwilligenagentur-Tandems aus dem Projekt zu Wort.

Anne Pahl, die das Projekt bereits im zweiten Jahr von bagfa-Seite aus begleitet, sah das Projektjahr 2023 als Möglichkeit, auf den Erkenntnissen des Vorjahres aufzubauen und Potenziale und Herausforderungen genauer zu beleuchten. Die Vertiefung der Thematik „digitales Engagement“ in Tandems aus erfahrenen und neuen Standorten ermöglichte eine Skalierung und Aufarbeitung der Erkenntnisse für andere Freiwilligenagenturen, die zur langfristigen Nutzung des gewonnenen Projektwissens beitragen.

Moderiert von Julia Junge, gaben das Projektteam und die Modellstandorte Einblicke in das Projekt

Maria Dillschnitter (Tatendrang München) suchte bereits vor der Projektteilnahme mit ihrem Team in München Möglichkeiten flexible Engagementformate sichtbar zu machen und die Vielfalt der Engagementbereiche zu ergänzen. Das digitale Engagement bot in diesem Zusammenhang erhebliche Zeitsouveränität für Freiwillige und somit die ideale Flexibilität. Auch der vermehrten Angst vor Verpflichtungen bei unterschiedlichen Zielgruppen könne durch diese Flexibilität entgegengewirkt werden. Online Gutes tun war für sie die Chance, mehr Möglichkeiten des Ausprobierens für Freiwillige bereitzustellen und die Thematik digitales Engagement auch im Team weiterzuentwickeln und zu fördern.

In der Arbeit mit digital tätigen eigenen Freiwilligen, wie Websitecheckern oder rasenden Reporter:innen sieht sie ein gutes Einfallstor für digitales Engagement bei zunächst skeptischen Organisationen.

Ihre Tandempartnerin, Gül Yavuz (oskar I freiwilligenagentur lichtenberg), die bereits im zweiten Jahr dabei war, ging mit dem Wunsch der Vertiefung in das Projektjahr, da digitales Engagement auch langfristig Relevanz haben sollte und nicht im Sprint, sondern eher im Marathon verfestigt werden kann. Viele Organisationen brauchen aus ihrer Sicht eine gute Aufklärungsarbeit, insbesondere darüber, welche Formen des digitalen Engagements es gibt.

Auch wenn sie sich schon länger mit digitalem Engagement in der Freiwilligenagentur auseinandersetzt, war ihr schnell klar, dass die Zusammenarbeit und der kollegiale Austausch im Tandem ein echter Gewinn in diesem Projektjahr sind.

Der Fokus der Freiwilligen-Agentur Bremen lag vornehmlich auf digitaler Zusammenarbeit im Team aber auch auf digitaler Sichtbarkeit bzw. Sichtbarkeit von digitalen Angeboten vor Ort. Laura Brachmann sah das Projekt auch als gute Chance, das Thema stärker in die Teamkultur zu integrieren und dadurch mehr Interesse im Team zu erzeugen. Durch die „digitale Brille“ betrachtet haben sich nicht nur neue Netzwerke eröffnet, sondern die Betrachtungsweise von Angebotsmöglichkeiten im digitalen Raum generell. Für sie gilt es, auch in Zukunft Organisationen diesen Blick zu ermöglichen und über digitale Formate aufzuklären. Die Freiwilligen Agentur Bremen sei in jedem Fall angefixt und möchte weiter an dem Thema arbeiten.

Ihre „Buddies“ von der Ehrenamt Agentur Essen haben sie auf diesem Weg gut begleitet und konnten von diesem Austausch ebenfalls profitieren, wie Hendrik Rathmann berichtet. Im Tandem konnten sie Erfahrungen diskutieren, einordnen und spiegeln. Dadurch ist es möglich, neue Engagementfelder gemeinsam zu entdecken und den eigenen Projektstand immer wieder zu hinterfragen. Gerade weil einem nach der ersten Euphorie für das Thema die Organisationen nicht hinterherlaufen, ist gegenseitige Inspiration wichtig und wertvoll. Hier können Freiwilligenagenturen am Austausch untereinander nur gewinnen, da viele Prozesse auch an unterschiedlichen Standorten ähnlich funktionieren.

Sein Kollege Vincent Demond sieht auch Herausforderungen beim Thema digitales Engagement, die es zu meistern galt. Nicht alle Organisationen im eigenen Netzwerk sind offen für digitales Engagement und auch Freiwillige haben zuweilen andere Bedürfnisse, die digitalem Engagement im Wege stehen. Das Thema stärker als Prozess einzuordnen, kann helfen, die Motivation hochzuhalten.

Anne Pahl ergänzt, dass digitales Engagement durchaus als Organisationsentwicklungsprozess betrachtet werden muss, der für viele Freiwilligenagenturen, aber auch Organisationen einen Kulturwandel mit sich bringt, für den es eben Zeit braucht.

Vincent Demond beim Workshop zur Handreichung Foto: Andreas Domma

Im Plenum sind sich die Akteure beim Stichwort Teamkultur einig, dass Austausch und Beratung nur auf Augenhöhe erfolgen kann und das Gegenüber mitgedacht werden muss. Dafür ist es wichtig, authentisch zu sein und sich zu fragen, wie digitale Kompetenz eigentlich im eigenen Team gelebt wird und die eigene Organisation anderen ein Vorbild sein kann. Hier hilft zum Beispiel die Arbeit mit eigenen digital aktiven Freiwilligen, um selbst Erfahrungen zu sammeln.

Auch die 65 Teilnehmenden des Fachforums berichten von unterschiedlichen Erfahrungen mit digitalen Engagementformaten. Ob es um dezentrale Datenbankpflege oder Unterstützung bei Digitalisierungsaufgaben in Organisationen geht: viele haben sich auf den Weg gemacht und erste positive Erfahrungen gesammelt.

Handreichung:

Damit diese Ansätze in Zukunft noch systematischer umgesetzt werden können, haben die sechs Freiwilligenagenturen, die in 2023 schon das zweite Jahr im Projekt dabei waren, sich im Frühjahr ganz analog getroffen und gemeinsam mit dem Projektteam eine digitale Handreichung erstellt. Sulamith Fenkl-Ebert (Freiwilligen-Agentur Halle) und Vanessa Gottlebe (Freiwilligenagentur Magdeburg) vom Projektteam stellten die ganz frisch erschienene Sammlung vor.

Aus einer ursprünglich kurz geplanten Broschüre ist ein 39-seitiges PDF geworden, das basierend auf der Erkenntnis, dass die Förderung digitalen Engagements Auswirkungen auf die Organisationsentwicklung einer Freiwilligenagenturen hat, verschiedene Handlungsfelder aufgeteilt ist. Neben konkreten Tipps und Erfahrungen aus der Praxis, hat die Handreichung vor allem das Ziel, Mut zu machen und für digitales Engagement zu motivieren, betont Sulamith Fenkl-Ebert. Zusätzlich gibt es Tipps zur Integration eigener digitaler Freiwilliger und eine Übersicht über digitale Engagementfelder.

“Digitales Engagement für Freiwilligenagenturen. Eine Handreichung” ist hier zum Download verfügbar.

Nach so vielen Impulsen ging es im Anschluss in die Praxis: In sechs Gruppenräumen haben die Teilnehmenden des Fachforums in zwei aufeinander folgenden Runden die Möglichkeit, tiefer in die folgenden Handlungsfelder einer Freiwilligenagentur einzutauchen:

  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Beratung von Freiwilligen
  • Beratung von Organisationen
  • Eigene digitale Freiwillige
  • Haltung und Teamkultur
  • Netzwerke

Die einzelnen Themen wurden dazu von jeweils einem Tandem aus dem Projekt aufgearbeitet und die Freiwilligenagenturen berichten direkt von ihren eigenen Erfahrungen und treten im Anschluss in den Austausch mit den Teilnehmenden.

In den Gruppen wird deutlich, wie unterschiedlich die Bedingungen für digitales Engagement in den Freiwilligenagenturen vor Ort sind. Während im ländlichen Raum hie und da die instabile Internetverbindung Engagement verhindert, gibt es an anderen Stellen schon beeindruckende Erfolgsgeschichten, wenn etwa eine Freiwilligenagentur ein ehrenamtliches Social Media Team langfristig begeistern kann.

Als die Moderatorin Julia Junge im Anschluss in die Runde fragt, welche Ansätze die Teilnehmenden jetzt direkt ausprobieren möchten, zeigt sich, dass der Funke übergesprungen ist: Neben digitalen Sprechstunden für Organisationen und neuen Ideen, um junge Engagierte zu gewinnen, nehmen die Diskussionsteilnehmer:innen auch konkrete Engagementmöglichkeiten wie den Website-Check mit in ihren Alltag.

Unsere Stärke in der digitalen Transformation: Das Miteinander

Im Anschluss zoomen alle mit einer Keynote von Hannes Jähnert, Vorstandsreferent der DSEE noch einmal kurz raus: Welche Bedeutung hat die digitale Transformation für die Zivilgesellschaft und welche Rolle nimmt dabei digitales Engagement ein?

Hannes Jähnert, der sich schon seit mehr als 15 Jahren mit digitalen Engagementformaten auseinandersetzt, plädiert dafür, Digitalisierung noch stärker mitzugestalten. Er hebt hervor, dass die Zivilgesellschaft erst spät in den Diskurs rund um die Digitalisierung eingestiegen ist, auch weil das “was mit Technik zu tun hat, aber wir machen doch hier Engagement”. Dass sich das nicht erst seit der Pandemie geändert hat, begrüßt er sehr.

Hannes Jähnert, DSEE

Da die digitale Transformation nicht die einzige gesellschaftliche Herausforderung ist, die wir erleben, plädiert er für die produktiven und auch kritischen Stimmen aus der Zivilgesellschaft und die Kernkompetenz, die auch in diesem Fachforum hervorstach: Die Fähigkeit zur Kooperation und Kollaboration, um gemeinsam mit starken Ideen die Gesellschaft zu gestalten.

Dieses Verbindende steht auch im Mittelpunkt des Abschlussplenums mit Isabelle Berge und Meinolf Grabe von der Bochumer Ehrenamtsagentur und dem Projektteam. Meinolf Grabe betont, dass digitales Engagement ein Mehr an Möglichkeiten für das Engagement bietet und kein “entweder oder” provoziert. Das deutlich zu machen, sieht er als eine wichtige Aufgabe in der Freiwilligenagentur an, die sich mit ihren Angeboten an digital affine und weniger affine Engagierte richtet.

Gefragt nach den sog. Quick Wins, den schnellen Gewinnerfahrungen, weist Vanessa Gottlebe auf den schon erwähnten Website-Check hin, bei dem digital Engagierte einen Fragebogen bekommen und den Link zur Website einer Organisation oder Freiwilligenagentur und sehr niedrigschwellig ein strukturiertes Feedback zur Website abgeben können. Auch die erste Sensibilisierung für das Konzept “digitales Engagement” kann schnell erfolgsversprechend sein, wenn deutlich wird, dass bestehende Engagementmöglichkeiten (auch) als digitale Engagements fungieren. Sulamith Fenkl-Ebert empfiehlt einen Blick über den Tellerrand zu bundesweiten Angeboten wie Jewish Places oder #everynamecounts, diese lassen sich auch gut in Aktionsform oder Gruppenengagement durchführen. Außerdem weist sie auf den Selbstcheck in der Handreichung hin, der den Blick für die eigenen Stärken schärft.

Das Abschlussplenum im Gespräch

Mit Blick in die Zukunft hebt Anne Pahl hervor, dass das Projekt die Positionierung der Freiwilligenagenturen im digitalen Diskurs positiv unterstützt hat und sie voraussichtlich auch nach Projektende als Expert:innen für digitales Engagement wahrgenommen werden. Auch die bagfa wird sich als Arbeitsgemeinschaft über das Projektende hinaus mit Digitalisierung beschäftigen und Veranstaltungen und Weiterbildungen dazu anbieten, bzw. Das Querschnittsthema in bestehende Formate integrieren. Sie ist optimistisch, dass nicht zuletzt durch das Fachforum und die Handreichung noch mehr Freiwilligenagenturen digitales Engagement in ihr Portfolio integrieren. Diese Hoffnung spiegelt sich auch in einem Feedback zur Veranstaltung: “Dankeschön, ihr strahlt wirklich Begeisterung und Kompetenz für das Thema aus!”

Als Projektreferentin für Digitalisierung steht sie auch weiterhin für die Freiwilligenagenturen bei allen Fragen rund um das Thema zur Verfügung. Auch die Projektwebsite gutes-geht.digital mit zahlreichen weiteren Erfolgsgeschichten, Inspiration und Ressourcen für Organisationen und Freiwillige rund um digitales Engagement bleibt erhalten.

Abschließend betont Meinolf Grabe, dass digitales Engagement jetzt Alltag geworden ist – und mit Blick auf die Verstetigungsperspektive des Projektes ist das doch ein tolles Fazit!