05.10.2022

Wie Engagement und Freiwilligenagenturen zur Krisenbewältigung beitragen: 55 Minuten mit Prof. Dr. Roland Roth

Über Krisen und den Beitrag des bürgerschaftlichen Üngagements zu ihrer Bewältigung

Prof. Dr. Roland Roth

Engagement wird sehr gelobt – aber manchmal auch schwer ignoriert. Zum Beispiel würdigte kaum ein politischer Akteur, wie die Zuwanderung Geflüchteter 2015f. aufgefangen werden konnte – nämlich maßgeblich mithilfe von Hunderttausenden Freiwilligen. Das war eine Beobachtung, mit der Prof. Dr. Roland Roth beim bagfa Digitaltalk am 4. Oktober aufwartete, als er allgemeine Einschätzungen gab, welche unterschiedlichen Krisen uns beschäftigen (werden) und wie bedeutsam Engagement in Krisen- und Notfällen ist bzw. sein wird. Darüber hinaus berichtete der Zivilgesellschaftsforscher über die schon ausgeübten und die potenziellen Rollen von Freiwilligenagenturen in Krisensituationen, ausgehend von einer Kurzstudie, die er im Auftrag der bagfa erstellte. Wir können Krise, so seine Zusammenfassung der Potenziale der engagierten Bürgerschaft – zumal, wenn man die Spontanhelfenden und informell Engagierten lässt und unterstützt.

Was sind für ihn als Wissenschaftler spannende Perspektiven auf Krisen-Phänomene und ihre Thematisierung?

Eine Tradition der Risiko-Soziologie besage, dass wir als technikbasierte Gesellschaft ganz selbstverständlich mit „normalen Katastrophen“ (Charles Perrow) rechnen. Kultursoziolog:innen wiederum wiesen darauf hin, wie unterschiedlich Gesellschaften mit Risiken umgehen: Was die einen, allem voran sicherheitsorientierten Gemeinwesen wie Deutschland, womöglich umhaut, lässt andere noch lange nicht wanken. Daneben gibt es noch die kommunikations- und politikorientierte Analyse, wonach man mit Krisen-Rhetorik Handlungsbedarfe signalisiert: Wer einen Zustand in der öffentlichen Aufmerksamkeit verankern will, ruft laut: Krise!

Wann ist eine Krise eine echte Krise?

Als klares Anzeichen empfiehlt Roland Roth: wenn der Alltag nicht mehr in üblicher Weise gelebt werden kann. Eine Gesellschaft kann sich allerdings auch an bestimmte Krisen und dauerhafte Störungen ihrer Betriebsabläufe gewöhnen; siehe etwa das Bildungssystem in Deutschland mit seiner schleichenden Krise. Eine besondere Qualität ist zudem, wenn sich Krisen überlagern und/oder wechselseitig verschärfen – wie wir das derzeit angesichts von neuen Fluchtbewegungen, teurer Energie und angekündigten Coronawellen beobachten können.

Bei Katastrophen wie Flutereignissen oder Corona finden sich zahllose Spontanhelfende, die anlassbezogen anpacken. Haben wir diese Gruppe von Freiwilligen schon gut genug verstanden?

Nur bedingt, meint Roland Roth, gerade in Deutschland neigten wir dazu, Engagement stark organisationsbezogen zu denken. Das merke man auch daran, wie zivilgesellschaftliche Akteure vor allem darüber nachdenken, wie man diese freischwebenden, ungebundenen und spontanen Freiwilligen in formale Rahmen überleiten kann. Während die Wissenschaft dieses episodische und informelle Engagement noch kaum bearbeitet hat, gebe es in der Zivilgesellschaft allmählich mehr Interesse, seitens von Freiwilligenagenturen sogar schon seit einigen Jahren. In einer Zeit, da Menschen immer mehr Aufgaben und Interessen und daher zunehmend begrenzte zeitliche Ressourcen haben, brauche dieses Phänomen mehr Aufmerksamkeit. Stattdessen ergehe man sich in Pflichtdienst-Debatten, in der irrigen Annahme, in dieser Weise seien zentrale Probleme organisierten Engagements anzugehen. Eine (politische) Würdigung des Spontanengagements stünde noch aus.

Wenn jetzt viele Krisen auf einmal kommen und viele (potenzielle) Freiwillige selbst direkt betreffen – könnte das dann nicht auch das Engagement selbst in die Krise stürzen?

Solche Befürchtungen teilt Roland Roth nicht. Krisen provozieren für ihn eher eine Mobilisierung von Engagement bzw. zeigen, wie groß das Potenzial ist. In schwierigen Lagen sei auch der Selbstwirksamkeits-Effekt besonders groß. Zudem führten Krisen dazu, dass neue Formen des Engagements entstehen, es bildeten sich Gruppen, die sich dann gemeinsam weiterentwickeln und in anderen Feldern betätigen.

Was tun Freiwilligenagenturen bereits, was könnten sie in Krisenfällen leisten?

Viele Agenturen hätten das schon bewiesen: Freiwilligenagenturen haben bei Krisen viel einzubringen, zumal aufgrund ihrer Netzwerke und ihrer Rolle in der Vermittlung von Freiwilligen. Allerdings sei dieses Potenzial auch an Voraussetzungen gebunden. So müssten Freiwilligenagenturen selbst resilient und krisenfest sein. Daneben kommt es darauf an, gute Kontakte zur Kommunalverwaltung zu haben. Oder auch zu Unternehmen, um dort im Ernstfall Ressourcen zu aktivieren. Es gelte, bei seinen Stärken zu bleiben. Dasich andere mit Sach- und Geldspenden etwa besser auskennen, sollte man das diesen Organisationen auch überlassen und darauf verweisen.

Es erst mit einer Krise aufzunehmen, wenn sie begonnen hat, sei wenig sinnvoll, sagt Roland Roth. Aber was aus seiner Sicht dann besser machen?

In vielerlei Hinsicht wäre es günstiger, proaktiv zu handeln. Also nicht abwarten, bis eine Kommunalverwaltung anklopft. Sondern eigeninitiativ um ein Gespräch bitten und darlegen, was man im Notfall machen kann und was es dafür braucht. Kolleg:innen aus Freiwilligenagenturen schrieben dazu, das sei bei ihnen schon gelungen, etwa mit Vorschlägen zu Wärmeräumen bei einer Gasmangelversorgung oder der Unterbringung von Geflüchteten. Wenn Notfallpläne nur top down formuliert werden, muss das am Ende nicht gerade sinnvoll sein.  

Eine digitale Infrastruktur scheint vonnöten zu sein, um im Ernstfall eine Vielzahl von Helfer:innen zu koordinieren. Muss hier noch nachgerüstet werden?

Für Roland Roth scheinen Freiwilligenagenturen in Sachen digitaler Ausstattung wie Apps schon weit vorn zu sein. Probleme sieht er eher an den Schnittstellen, bei den Abstimmungen mit den anderen Akteuren, die erforderlich sind. Auch seien Situationen zu bedenken, wenn elektrische Geräte nicht funktionieren, ist doch ein Stromausfall kein völlig unwahrscheinliches Szenario mehr.

Und wie kommentierten Kolleg:innen aus Freiwilligenagenturen im Chat einzelne Aspekte des Talks mit Roland Roth?

„Wenn das Thema Kurzzeit-und Spontan-Engagement eine größere Rolle auch bei Organisationen und Vereinen spielen sollte, dann benötigt es ausreichend personelle Ressourcen, die das koordinieren können. Es ist deutlich anspruchsvoller, das zu organisieren.“

„In Krisensituationen entstehen neue Initiativen, unabhängig von der Freiwilligenagentur. Hier ist es wichtig, dies frühzeitig mitzubekommen und dann mit diesen Initiativen ins Gespräch zu kommen, aber auch Interessierte Freiwillige an diese Initiativen vermitteln zu können.“

„Verantwortliche in Krisenstäben können nur schwer mit dem Einsatz von Kurzeitengagement umgehen. Auch hier gibt es ein Sicherheitsbedürfnis, dass der Einsatz nach verschiedenen Seiten ‚abgesichert‘ sein soll.“

„Wie Freiwilligenagenturen in kommunale Strukturen eingebunden sind, das scheint regional sehr unterschiedlich zu sein. Bei uns in Brandenburg werden wir seit Corona mitgedacht.“

„Die eigene Rolle, Zuständigkeiten und Handlungsmöglichkeiten als Freiwilligenagenturen zu klären und Verweisungswissen aufzubauen ist besonders wichtig, sonst wird man schnell zum ‚Kümmerer‘ für alles.“