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Foto: Martin Klindtworth

Der Weg zum Schutzkonzept

Inhalt

Warum Schutzkonzepte?

Um Handlungssicherheit in schwierigen Zeiten zu erlangen und mit einer klaren Haltung agieren zu können, braucht es die Auseinandersetzung mit dem Thema Schutz und Prävention.

Schutzkonzepte und präventive Maßnahmen haben mehrere Ebenen:

  • Die persönliche Ebene Jede Person hat ein unterschiedliches Schutzempfinden.
  • Die öffentlich-private Ebene Jede:r öffentlich wahrgenommene Engagierte oder Beschäftigte einer Freiwilligenagentur soll sich auch privat sicher und geschützt fühlen.
  • Die Organisations-Ebene Jede Organisation soll ihre Werte und Leitlinien sicher vertreten können.
  • Die kommunale Ebene Alle sollen den demokratischen Dis­kurs vor Ort mitprägen und an diesem partizipieren können. Dieses Engagement sollte in Sicherheit stattfinden und wertgeschätzt werden.
  • Die gesamtgesellschaftliche Ebene Eine pluralistische Gesellschaft sollte sich empathisch und unterstüt­zend für ein sicheres Engagement einsetzen.

Die Erarbeitung eines individuellen Schutzkonzeptes für die eigene Freiwilligenagentur ist ein zentraler Präventionsschritt, um im Bedrohungsfall sicher handeln zu können. Schutzkonzepte schaffen klare Handlungsrahmen und stärken Organisationen und ihre ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitenden. Sie leisten damit einen zentralen Beitrag zur Resilienz von Organisationen.

Prozessleitfaden zur Erarbeitung eines Schutzkonzepts

Die Entwicklung eines Schutzkonzeptes benötigt Zeit und ein systematisches Vorgehen. Zentrale Fragen müssen im Verlauf geklärt werden: Welche Aspekte wollen wir integrieren? Wer soll eingebunden werden? Wie wird das Dokument im Alltag lebendig? Der Leitfaden beschreibt zentrale Prozessschritte von der Bedarfsanalyse zu Beginn bis zur Integration des fertigen Schutzkonzepts in die alltägliche Arbeit und gibt Empfehlungen, um die Umsetzung in der eigenen Freiwilligenagentur zu erleichtern.

Netzwerke schaffen und im Netzwerk wirken

Die gute Nachricht ist: wir sind nicht alleine! Die Zusammenarbeit in starken Netzwerken ist eine zentrale Ressource für wirksamen Schutz und nachhaltige Präventionsarbeit. Im Netzwerk können wir uns gegenseitig unterstützen, Erfahrungen und Ressourcen gleichermaßen teilen und kontinuierlich voneinander lernen. Gerade in herausfordernden Zeiten oder akuten Bedrohungssituationen ist ein verlässliches Netzwerk unverzichtbar. essentiell gut vernetzt zu sein. Die beiden Leitfäden beleuchten unterschiedliche Facetten dieser Netzwerkarbeit und zeigen Wege auf, wie Organisationen sich gemeinsam stärker aufstellen und dem Thema Schutz und Prävention mehr Sichtbarkeit verleihen können.

Stimmen aus der Praxis

3 Fragen an… Stefanie Lenz

Geschäftsführerin LAGFA Brandenburg

Was wurde in der Arbeit mit den Agenturen besonders sichtbar, als Sie als Landesnetzwerk ins Thema Schutz und Prävention gestartet sind?
Uns wurde schnell deutlich, dass „Schutz“ sehr unterschiedlich verstanden wird: Bei manchen ist das Thema Kinderschutz sofort präsent, bei anderen ging es stärker um Schutz vor Gewalt, um den Schutz von Mitarbeitenden oder Freiwilligen – bis hin zu ganz praktischen Fragen der Ausstattung, etwa ob ein Feuerlöscher vorhanden ist. Das hat gezeigt, wie breit der Bedarf ist und warum es hilfreich ist, Schutzkonzepte nicht als Einheitslösung zu denken.

Wo liegen die größten Hürden – und wie kann man trotzdem loslegen?
Ein Schutzkonzept braucht Zeit und ist eigentlich nur als Teamprozess machbar – es bringt ja nichts, wenn nur eine Person etwas entwickelt und im Ernstfall andere nicht eingebunden sind. Gleichzeitig kann das Thema verunsichern, weil man sich mit der eigenen Verletzlichkeit auseinandersetzt. Ein praktikabler Weg ist, schrittweise zu arbeiten: eine Gliederung aufsetzen, Abschnitt für Abschnitt vorgehen und priorisieren – zum Beispiel, indem man betrachtet, welche Fälle oder Situationen wahrscheinlich ist und welche Auswirkungen diese hätten. So entsteht Struktur, ohne dass man sofort „alles“ erledigen muss. Man beschäftigt sich erstmal mit den wichtigsten und drängenden Themen.

Welche Rolle spielen Netzwerke – gerade im ländlichen Raum – und was bedeutet „Schutzraum“ in der Praxis?
Netzwerke sind enorm wichtig, weil Schutz häufig nicht allein im Büro entsteht, sondern über Beziehungen: Wer sind Ansprechpersonen bei Polizei, Verwaltung, Beratungsstellen oder Opferhilfe? Je ländlicher der Raum, desto weniger formelle Strukturen gibt es teils – dann wird es umso wichtiger, Kontakte bewusst aufzubauen. „Schutzraum“ kann auch heißen, dass Agenturen Wissen bündeln und weitergeben: wohin kann man sich wenden, welche Unterstützung gibt es – und wie bleibt man erreichbar, wenn man z. B. die eigene Adresse nicht offenlegen möchte. Gleichzeitig kann Bedrohung zu Rückzug und Selbstzensur führen – auch im Kontext von Debatten um ein vermeintliches „Neutralitätsgebot“. Hier muss Zivilgesellschaft gerade dann vernetzt agieren, um informiert und handlungsfähig zu bleiben.

3 Fragen an… Christine Sattler

Geschäftsführerin Freiwilligen-Agentur Halle (Saale) e.V.

Was war für Sie der Auslöser, Schutz und Prävention systematisch anzugehen?
Das Thema ist bei uns eng mit Haltung und Positionierung verbunden – also damit, wofür wir als Freiwilligenagentur stehen. Wir sind in Halle in demokratischen Bündnissen aktiv und haben über die Jahre auch Bedrohungs- und Angriffssituationen erlebt. Der Schritt hin zu einem Schutzkonzept war für uns deshalb der Versuch, nicht nur situativ zu reagieren, sondern Orientierung und Handlungssicherheit aufzubauen.

Wie sah Ihr Weg aus?
Wir haben mit einer Bedarfs- und Situationsanalyse begonnen und dafür bewusst Akteure aus dem Umfeld einbezogen: zivilgesellschaftliche Organisationen, Beratungsstellen, Verwaltung und auch das Präventionsteam der Polizei. Danach haben wir Schutzbedarfe systematisch nach Bereichen sortiert –z. B. Veranstaltungen, Standort und Objekt oder Mitarbeitendenschutz – und daraus Bausteine entwickelt. Wichtig war uns, das nicht nur aufzuschreiben, sondern im Team auch anhand von Fällen zu beraten und Situationen durchzuspielen.

Was macht aus Ihrer Sicht den Unterschied, damit ein Schutzkonzept im Alltag wirklich lebt?
Entscheidend sind klare Abläufe und Zuständigkeiten – und dass subjektive Unsicherheit ernst genommen wird, statt sie zu relativieren. Dazu gehören Dokumentation, Kommunikation und Auswertung: Was ist passiert? Wer wird informiert?Was lernen wir daraus? Gleichzeitig spielen auch Fragen der Positionierung eine Rolle – etwa wie man mit bestimmten Anfragen oder mit delegitimierenden Strategien umgeht – und dass solche Fragen nicht allein „aus dem Bauch“, sondern entlang des Leitbilds und gemeinsam mit Vorstand und Team bearbeitet werden. Schutz und Prävention sind für mich ausdrücklich als Organisationsentwicklungsprozess zu verstehen und nicht als einmaliges Dokument.

3 Fragen an… Nora Meyer

Centrum für bürgerschaftliches Engagement e.V. – Vielfalt des Engagements / Engagement Lernen / Bildung

Sie sind über Leitbildarbeit ins Thema Schutz und Prävention eingestiegen. Warum war das für Sie der richtige Anfang?
Unser Leitbild war bereits 10 Jahre alt und wichtige Themen wie Demokratie, Vielfalt und Rassismus kamen darin zu wenig vor. Uns war wichtig, zuerst zu klären: Wofür stehen wir heute, was sind gemeinsame Werte und Visionen für unsere Arbeit? Diese gemeinsame Grundlage war dann eine gute Basis, um Maßnahmen für unser Schutz- und Präventionskonzept zu entwickeln und umzusetzen, ohne diese jeweils neu auszuhandeln zu müssen.

Wie haben Sie den Prozess organisiert, damit er im Verein wirklich trägt?
Wir haben das als Beteiligungsprozess gemacht: erste Ideen entstanden im Team, diese hat eine Arbeitsgruppe weiterentwickelt und in mehreren Schleifen mit dem Team und dem Vorstand ausgearbeitet. Die Mitglieder wurden schließlich auch beteiligt und haben mit ihrem Beschluss in der Mitgliederversammlung das Leitbild verabschiedet. Das war ein intensiver Prozess – aber genau dadurch entsteht Verbindlichkeit.

Was war ein besonders praktischer Baustein?
Ein wichtiger Schritt war ein kurzer Verhaltenskodex/Code of Conduct , der in unseren Räumen und bei Veranstaltungen aushängt. Der Kodex ist klar und verständlich formuliert und bietet uns und Referent:innen im Fall von Störungen eine gute Basis für ein aktives Eingreifen. Ich finde es sehr hilfreich, wenn wir in unserem Netzwerk solche Vorlagen untereinander teilen. Schutzkonzepte im Bereich Demokratie findet man online deutlich seltener als etwa im Kinder- und Jugendschutz und praxisnahe Beispiele erleichtern auch anderen Freiwilligenagenturen den Einstieg.