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Umfrage zu Anfeindungen & Schutzbedarfen

In den vergangenen Jahren berichten zivilgesellschaftliche Akteur:innen zunehmend von Anfeindungen und einem raueren gesellschaftlichen Klima – online wie vor Ort. Diese Entwicklungen stehen häufig im Zusammenhang mit dem Einsatz für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch Freiwilligenagenturen sind davon betroffen, allerdings sehr unterschiedlich: Manche berichten von konkreten Vorfällen, andere vor allem von einer erhöhten Anspannung im Arbeitsalltag – und wiederum andere haben bislang keine solchen Erfahrungen gemacht. Ziel dieser bagfa-Studie war es, die Bandbreite dieser Erfahrungen sichtbar zu machen und daraus praxisnahe Unterstützungsansätze abzuleiten. Die Studie wurde durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) gefördert. Die Ende 2025 durchgeführte, anonyme Online-Befragung wurde vorab getestet und praxisnah gestaltet. Zusätzlich haben wir Expert:innen aus Freiwilligenagenturen interviewt, um die Ergebnisse einzuordnen und konkrete Empfehlungen zu entwickeln. Beteiligt haben sich an der Umfrage überwiegend erfahrene, hauptamtliche Mitarbeitende in unterschiedlichen Funktionen – darunter viele mit Leitungs- oder Koordinationsverantwortung. Dies hängt auch damit zusammen, dass in Ein-Personen-Agenturen die hauptverantwortliche Person formal als Leitung gilt. Zugleich haben sich Mitarbeitende aus Agenturen unterschiedlicher Trägerschaften, Teamgrößen und aus städtischen wie ländlichen Kontexten beteiligt.

Zentrale Erkenntnisse auf einen Blick

Anfeindungen betreffen eine relevante Minderheit: Rund jede siebte befragte Person berichtet von konkreten Anfeindungen in den letzten zwölf Monaten. Bezieht man zusätzlich Vorfälle ein, bei denen die Einordnung nicht eindeutig war, betrifft das Thema sogar knapp jede vierte Person. Gleichzeitig zeigt sich: Es gibt keine flächendeckende Eskalation. Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich verteilt.

Die meisten Vorfälle sind „alltagsaggressiv“ – nicht gewalttätig: Am häufigsten berichten Agenturen von Beleidigungen, Hasskommentaren, Störungen bei Veranstaltungen oder symbolischer Sachbeschädigung. Physische Gewalt wird in der Häufigkeitsabfrage nicht als Vorkommnis berichtet; vereinzelt werden jedoch körperliche Grenzverletzungen (z. B. unerwünschter Körperkontakt) als einschneidend eingeordnet. Das Bedrohungsprofil ist daher weniger von extremer Gewalt geprägt, sondern von wiederkehrenden, belastenden Alltagssituationen – besonders im direkten Kontakt, bei Veranstaltungen und im digitalen Raum.

Belastung zeigt sich vor allem als Mehraufwand und Unsicherheit: Vorfälle führen selten zu Rückzug aus Themen oder Angeboten. Stattdessen entstehen psychische Belastung, zusätzlicher Aufwand und mehr Abstimmungsbedarf im Team. Viele Mitarbeitende fühlen sich im Auftrag und in den Zuständigkeiten grundsätzlich gut orientiert, aber unsicher in konkreten Eskalationssituationen – etwa bei verbalen Angriffen, Desinformation oder respektlosem Verhalten.

Sichtbarkeit und Kontext machen einen Unterschied: Betroffenheit ist nicht zufällig verteilt. Häufiger berichten größere, städtische und öffentlich positionierte Agenturen von Vorfällen. Anfeindungen hängen damit eng mit Sichtbarkeit, Themenfeldern (z. B. Migration, Demokratie, Diversität) und organisationalem Kontext zusammen – nicht allein mit einzelnen Entscheidungen oder Personen.

Der entscheidende Hebel für mehr Sicherheit liegt in klaren Routinen und praktischer Unterstützung: Viele Agenturen verfügen über eine starke Wertebasis und kollegialen Rückhalt. Was jedoch häufig fehlt, sind klare Zuständigkeiten, kurze Notfallpläne, Codes of Conduct, Deeskalationskompetenz. Dort, wo intern geklärt ist, wie mit schwierigen Situationen umzugehen ist, berichten Mitarbeitende von deutlich mehr Handlungssicherheit. Schutz entsteht also weniger durch Haltung allein, sondern durch klare, praktische Vorsorgestrukturen.

Über den Autor

Dr. Benjamin Haas ist freiberuflicher Forscher und Berater u.a. im Bereich Zivilgesellschaft und Engagement (www.benhaas.de) sowie im Vorstand von Voluntaris e.V. (www.voluntaris.de). Er war als wissenschaftlicher Begleiter des Projekts „Schutz und Prävention“ für Konzeption, Durchführung und Auswertung der Studie verantwortlich und hat die Ergebnisse in enger Abstimmung mit der bagfa analytisch eingeordnet und praxisnah aufbereitet.