Awareness
Awareness im Kontext von Schutz und Prävention
Im Kontext von Schutz und Prävention meint Awareness mehr als „Aufmerksamkeit“ oder ein freundliches Miteinander. Gemeint ist eine Haltung und Praxis, die darauf zielt, dass Menschen sich in Begegnungs- und Engagementsettings sicher, respektiert und handlungsfähig fühlen – und dass Organisationen Verantwortung übernehmen, wenn Grenzen überschritten werden. Awareness verbindet damit Empathie und Achtsamkeit mit klaren Strukturen: wahrnehmen, einordnen, ansprechbar sein, unterstützen, deeskalieren und – wenn nötig – konsequent handeln.
Ein wichtiger Akzent, der besonders stark betont wird: Awareness ist keine reine „Event-Technik“, sondern eine Kultur- und Kompetenzfrage. Sie hängt eng mit Themen wie Antidiskriminierung, Privilegienbewusstsein und Intersektionalität zusammen. Wer Schutzräume schaffen will, muss nicht nur auf „Vorfälle“ reagieren, sondern die Bedingungen reflektieren, unter denen Diskriminierung, Ausschlüsse oder Machtasymmetrien entstehen – auch innerhalb der eigenen Organisation.
Inhalt
Warum Awareness für Freiwilligenagenturen besonders relevant ist
Freiwilligenagenturen sind Schnittstellen: Sie bringen Menschen zusammen, die sich oft vorher nicht kennen, arbeiten mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen und sind in Veranstaltungen, Beratung, Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit präsent. Gerade weil die Zusammensetzung von Teilnehmenden nicht immer vorhersehbar ist, entstehen Situationen, in denen sich einzelne Personen unwohl, bedroht oder abgewertet fühlen – manchmal leise und diffus, manchmal offen als Störung oder Konflikt.
Awareness spielt hier eine doppelte Rolle:
- Schutz für Engagierte und Zielgruppen: besonders dort, wo mit Menschen gearbeitet wird, die häufiger von Diskriminierung betroffen sind (z. B. aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Behinderung, Alter, Geschlecht, sozialer Lage oder psychischer Belastung).
- Schutz für Mitarbeitende und Ehrenamtliche der Agentur: etwa in Beratungssituationen, bei Außenterminen, an offenen Standorten oder in Situationen, in denen Einzelne alleine arbeiten und sich unsicher fühlen.
Wie Awareness mit Schutz und Prävention zusammenhängt
Awareness lässt sich als Brücke zwischen Prävention und Schutz im Ernstfall beschreiben – und sie wirkt auf drei Ebenen:
- Prävention (vorab Sicherheit herstellen): Awareness macht Schutz sichtbar und normal: durch klare Werte, einen Code of Conduct, deutliche Signale („Diskriminierung wird nicht toleriert“) und vorbereitete Abläufe. Das senkt die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen, und reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Grenzüberschreitungen „laufen gelassen“ werden.
- Intervention (wenn etwas passiert): Hier wird Awareness konkret: Es braucht Ansprechpersonen (im Idealfall ein Awareness-Team), die zuhören, einordnen, deeskalieren und Betroffene unterstützen – ohne dass die betroffene Person die Situation allein „beweisen“ oder rechtfertigen muss. Für größere oder konfliktanfällige Veranstaltungen wird als sinnvoll beschrieben, Awareness nicht nur im eigenen Team mitzudenken, sondern (wenn möglich) mit geschulten, neutralen Personen zu arbeiten und Rückzugsräume/Anlaufstellen einzuplanen.
- Nachbereitung (lernen statt verdrängen): Awareness endet nicht mit dem Abbruch einer Situation. Wichtig sind Dokumentation, Reflexion und die Frage: Was hat geholfen? Was hat gefehlt? Was ändern wir am Setting? Gerade nach emotional belastenden Situationen kann ein strukturierter Reflexionsraum entscheidend sein – auch für Teams, die das Erlebte verarbeiten müssen.
Was häufig missverstanden wird
Ein wiederkehrendes Missverständnis ist die Annahme: „Awareness können wir doch sowieso.“ Gemeint ist dann oft eine allgemeine Hilfsbereitschaft. In der Praxis zeigt sich aber, dass Awareness mehr verlangt: ein gemeinsames Begriffsverständnis, klare Verantwortlichkeiten, Training und die Bereitschaft, Machtverhältnisse und Ausschlüsse mit zu reflektieren. Ein zweites Missverständnis: Awareness sei im Kern „ein Schild an der Tür“. Sichtbare Signale sind wichtig – aber ohne gelebte Praxis, Teamabsprachen und Kompetenzen bleiben sie symbolisch.
Der besondere Schwerpunkt: Awareness als Haltung, Diversität und Verbündetensystem
Awareness kommt aus einer menschenrechtsorientierten Grundhaltung; achtsam sein, Empathie zeigen, Verantwortung übernehmen – und nicht warten, bis jemand „laut genug“ wird, sind zentrale Aspekte. Glaubwürdige Schutzräume brauchen Multiperspektivität: Wer entscheidet? Wer gestaltet Regeln? Welche Erfahrungen fehlen am Tisch? Awareness wird stärker, wenn verschiedene Perspektiven (z. B. unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen, Diversitätsmerkmale, Rollen in der Organisation) sichtbar vertreten sind – auch, um blinde Flecken zu reduzieren.
Damit das nicht an einzelnen engagierten Personen hängen bleibt, braucht es außerdem Verbündete in Leitung und Team sowie geplante Ressourcen: Zeit für Teamprozesse, ggf. Mittel für externe Qualifizierung (Antidiskriminierung, Anti-Rassismus, Deeskalation) und verlässliche Strukturen, die nicht nur „bei Gelegenheit“ greifen.
Kurz gesagt: Awareness ist ein zentraler Baustein von Schutz und Prävention, weil sie die „weiche Seite“ (Haltung, Sensibilität, Perspektiven) mit der „harten Seite“ (Regeln, Abläufe, Zuständigkeiten) verbindet – und Freiwilligenagenturen dabei unterstützt, offene Räume zu bleiben, ohne Menschen allein zu lassen, wenn Grenzen überschritten werden.
„Awareness ist mehr als ein Schild an der Tür“
Interview mit Gilberte Mandel-Driesen, CBE Mülheim a.d.R., über Schutz und Prävention in Freiwilligenagenturen
Gilberte Raymonde Mandel-Driesen arbeitet seit 2016 Jahren beim Centrum für bürgerschaftliches Engagement e.V. in Mülheim an der Ruhr. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Vielfalt des Engagements und der Frage, wie sich Engagement von marginalisierten Gruppen flexibler und diverser gestalten lässt. Weitere Schwerpunkte sind Migration und Flucht, Demokratie und Rassismuskritik und Diskriminierungssensibilität.
Frau Mandel-Driesen, Sie beschäftigen sich schon lange mit Awareness. Woher kommt Ihr Zugang zum Thema?
Ich bin Pädagogin und war im Senegal Gymnasiallehrerin. Schon damals habe ich internationale Partnerschaften begleitet – Lehrkräfte und Schüler:innen, Begegnungen zwischen Menschen aus dem Globalen Süden und hier in Deutschland. Diese Erfahrungen prägen mich bis heute. Ich bin nicht hier geboren und nicht hier aufgewachsen – das heißt, ich bringe eine andere Sozialisation mit. Bei uns spielen kollektive Verantwortung und Menschlichkeit eine große Rolle, zum Beispiel in der Teranga-Philosophie und Ubuntu: gastfreundlich sein, menschenrechtsorientiert handeln, füreinander mitdenken. Für mich war diese Haltung immer da – nur der Begriff „Awareness“ ist für manche neu.
Wie würden Sie Awareness definieren – ganz einfach gesagt?
Für mich ist Awareness vor allem Achtsamkeit. Es geht um Menschlichkeit, Empathie und Sensibilität: Ich nehme wahr, wenn etwas nicht stimmt, und übernehme Verantwortung. Wenn ich spüre, dass jemand sich nicht wohlfühlt oder dass eine Situation kippen kann, dann ist das nicht „Privatsache“, sondern Teil meiner Verantwortung – gerade wenn ich mit Ehrenamtlichen, Engagierten oder marginalisierten Gruppen arbeite. Ein klassische Missverständnis bei Awareness ist: „Das können wir doch schon.“ Viele denken, sie seien automatisch aufmerksam und respektvoll, weil sie ja im Engagement arbeiten – und merken nicht, wo sie blinde Flecken haben, bspw. durch die eigenen Privilegien. Dann wird Awareness schnell als „nice to have“ verstanden oder als etwas, das man nebenbei sowieso macht. Dabei geht es um eine Haltung, die man aktiv übt – und auch um Selbstreflexion, Privilegienbewusstsein und strukturelle Verankerung.
Was hat Awareness mit „Schutz und Prävention“ zu tun – gerade im Arbeitsalltag?
Sehr viel. Awareness ist Prävention, weil sie schon vorher ansetzt: Ich gestalte Räume und Abläufe so, dass Menschen sich sicher fühlen. Und Awareness ist auch Schutz, wenn etwas passiert: Dann gibt es Ansprechpartner:innen, klare Signale und einen Ort, an den Betroffene gehen können. Es geht nicht nur um Reaktion, sondern darum, Sicherheit und Respekt von Anfang an mitzudenken. Schutz vor Anfeindungen oder Störungen ist wichtig. Was tun wir, wenn jemand eine Veranstaltung stört? Wie reagieren wir auf Anfeindungen im Netz – gegen die Organisation oder gegen Ehrenamtliche? Awareness geht aber noch tiefer. Es geht um Diskriminierung und Machtverhältnisse: Rassismus, Sexismus, Ableismus, Klassismus – und auch darum, wie Menschen mit psychischen Belastungen oder junge Engagierte behandelt werden. Schutz heißt dann: Niemand soll bei uns abgewertet oder ausgeschlossen werden.
Warum ist das Thema in Freiwilligenagenturen besonders relevant?
Weil wir in einer pluralen Gesellschaft arbeiten. Wir wissen nicht, wer kommt – in Beratungen, in Veranstaltungen, ins Haus. Gleichzeitig unterstützen viele Freiwilligenagenturen Menschen, die ohnehin stärker von Diskriminierung betroffen sind. Das heißt: Wir müssen sowohl unsere Ehrenamtlichen schützen als auch die Mitarbeitenden – und die Zielgruppen. Schutz und Prävention sind nicht „extra“, sondern gehören zur Kernaufgabe. Wir können nicht ständig andere belehren und selbst nichts tun. Ich habe bei uns zum Beispiel stark dafür geworben, dass wir Fortbildungen machen – Antirassismus, Diversitätskompetenz. Nicht nur „die da draußen“ sollen lernen, sondern wir selbst. Und wichtig ist: Es braucht Verbündete. Ich arbeite eng mit der Geschäftsführung zusammen – ohne Rückhalt aus Leitung und Team schafft man das nicht alleine.
Wenn eine Agentur sagt: „Wir möchten anfangen, aber wir haben noch keine Expertise“ – was wäre Ihr erster Schritt?
Ich würde im Team anfangen. Setzt euch zusammen und macht ein Brainstorming: Was heißt für uns Achtsamkeit, Schutz, Respekt, Empathie? Welche Situationen kennen wir, in denen Menschen sich unwohl fühlen? Daraus entsteht eine gemeinsame Haltung – und die ist die Basis. Und dann: sichtbar machen, dass das ernst gemeint ist. Nicht erst, wenn etwas eskaliert, sondern von Anfang an. Also ganz praktisch: klare Regeln und ein Signal im Raum – zum Beispiel eine Tafel oder ein gut sichtbarer Hinweis: Diskriminierung wird hier nicht akzeptiert. Und bei Veranstaltungen kann es ein Awareness-Team geben: Menschen, die ansprechbar sind, die wissen, was zu tun ist, wenn jemand Unterstützung braucht. Das kostet manchmal Ressourcen – aber es zeigt: Wir nehmen das ernst. Schon das ist Prävention.
Welche Hürden erleben Sie, wenn man Awareness wirklich umsetzen will?
Ressourcen sind ein Thema: Zeit, Personal, Geld – besonders wenn man externe Expertise holen will. Das muss geplant und strukturell verankert werden. Und es gibt Widerstände: Manche fühlen sich angegriffen oder sagen „Das ist Nebenkriegsschauplatz“. Außerdem braucht es oft Mut, Dinge offen anzusprechen – gerade wenn es um Rassismus oder Privilegien geht. Allein ist das schwer. Mit Verbündeten, konkreten Beispielen und guter Praxis geht es besser.
Wie überzeugt man Kolleg:innen, die sagen: „Warum brauchen wir das?“
Über Praxis und Verantwortung. Ich arbeite viel mit Beispielen: Was passiert, wenn jemand in einem Workshop getriggert wird, zu weinen beginnt und die Kamera ausschaltet? Dann reicht kein theoretisches Wissen. Dann muss ich merken: Da stimmt etwas nicht – wir machen eine Pause, ich frage nach, ich schaffe Schutz. Oder wenn in einer diversen Gruppe ein Satz fällt wie „In Deutschland ist alles perfekt, ich erlebe keinen Rassismus“ – und eine schwarze Frau, die hier geboren ist, bricht daran emotional zusammen, weil ihre Lebensrealität negiert wird. Dann braucht es Moderation, Sensibilität, Raum. Solche Situationen zeigen, warum Awareness kein Luxus ist.
Welche Rolle spielen Leitung wenn es um Awareness geht?
Eine ganz zentrale. Schutz und Awareness hängen sehr stark davon ab, wer Verantwortung übernimmt und wer Entscheidungen trifft. Wenn Leitung, Geschäftsführung oder Vorstände das Thema nicht mittragen, bleibt es schnell punktuell oder abhängig von einzelnen engagierten Personen. Ich erlebe immer wieder: Alleine schafft man das nicht. Ich arbeite eng mit meinem Vorgesetzten zusammen, und das ist entscheidend – sonst würde ich es nicht schaffen, diese Themen dauerhaft in der Organisation zu verankern.
Leitung heißt für mich, Verantwortung nicht zu delegieren, sondern sichtbar zu übernehmen. Das beginnt bei der Haltung: zu sagen, das ist kein „Nebenthema“, sondern Teil unserer Professionalität. Es geht darum, Ressourcen bereitzustellen – Zeit, Personal, finanzielle Mittel –, damit Schulungen, externe Expertise oder Awareness-Strukturen überhaupt möglich werden. Wenn Fortbildungen zu Antirassismus oder Diversität stattfinden, dann nicht nur „für die Mitarbeitenden“, sondern als gemeinsamer Lernprozess. Wir können nicht ständig von anderen Veränderung erwarten, ohne selbst bereit zu sein, uns fachlich weiterzuentwickeln.
Gleichzeitig ist Leitung immer auch eine Macht- und Strukturfrage. Wer sitzt in Vorständen, in Gremien, in entscheidenden Positionen? Wenn diese Ebenen sehr homogen sind – oft weiß, oft ähnlich sozialisiert –, dann fehlt Multiperspektivität. Dann wird zwar über Diversität gesprochen, aber nicht mit den Menschen, die Diskriminierung erfahren. Schutzräume sehen aus dieser Perspektive oft anders aus als aus der Sicht von Betroffenen. Für mich gehört deshalb Diversität in Leitungsgremien direkt zu Schutz und Prävention dazu.
Ich habe das auch offen kritisiert, weil ich merke: Entscheidungen ohne unterschiedliche Erfahrungen greifen zu kurz. Themen wie Rassismus, Sexismus oder auch die Frage, wie sicher sich bestimmte Gruppen fühlen, werden dann anders bewertet oder gar nicht gesehen. Awareness heißt deshalb auch, Strukturen zu hinterfragen: Wer entscheidet? Wessen Perspektive fehlt? Und wie können wir diese Lücken bewusst schließen?
Wenn Sie einer anderen Freiwilligenagentur in einem kurzen Pausengespräch einen Rat geben müssten: Was wäre Ihre wichtigste Empfehlung?
Startet bei euch selbst: Entwickelt als Team eine gemeinsame Haltung zu Achtsamkeit und Schutz – und macht sie im Alltag sichtbar. Wenn ihr Schutz für euch wollt, dann gilt das genauso für die Menschen, mit denen ihr arbeitet. Und holt euch Verbündete und unterschiedliche Perspektiven dazu – dann wird Awareness lebendig und wirksam.
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