Unsere Zivilgesellschaft ist kooperativ und wirkt in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Einsichten aus dem Digitaltalk am 18. September.
Freiwilliges Engagement und Zivilgesellschaft sind vielseitig – das wurde bei den 55 Minuten am 18. September wieder mehr als deutlich. Prof. Dr. Swen Hutter gab hier Einblicke in vielseitige Forschungsprojekte zu zivilgesellschaftlichen Fragestellungen, die viele Anknüpfungspunkte für die Arbeit der Freiwilligenagenturen vor Ort bieten.

Der Direktor des „Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung“ an der Freien Universität Berlin und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sprach im Digitaltalk etwa über Bildungsengagement. Aber er brachte den über 40 Teilnehmenden auch den Begriff der „affektiven Polarisierung“ näher und ging auf Strategien gegen Rechtsextremismus sowie Konfliktlinien in unserer Gesellschaft ein.
Swen Hutter hatte aber auch eine klare Botschaft für die Kolleg:innen aus Freiwilligenagenturen parat: Auch wenn die aktuelle politische Situation viel Verunsicherung schaffe, müssten wir laut sein und eine klare Haltung aktiv kommunizieren.
Dies ist nur eine Botschaft der 55 Minuten mit Prof. Dr. Hutter. Weitere prägende Einsichten aus dem Digitaltalk haben wir in dieser Kurzdokumentation festgehalten.
Der Digitaltalk ist zum Nachhören hier auf unserem YouTube-Kanal zu finden.
1. Bildungsengagement ist ein Querschnittsthema und findet sich in mehr Organisationen als man erwartet
Im Projekt „Zivilgesellschaft und Bildung“ untersuchte Prof. Hutter gemeinsam mit einem Forschungsteam freiwilliges Engagement in kommunalen Bildungslandschaften. Wie er im Digitaltalk erläuterte, hat das Projekt auch zum Ziel, den Begriff „Bildungsengagement“ zu prägen und mit einer klaren Definition zu versehen. Der Begriff umfasse alle freiwilligen Tätigkeiten, in denen Menschen in Lern- und Bildungsprozessen unterstützt werden. Hierbei gehe es nicht nur um formale Bildungsinstitutionen und um die Vermittlung von Grundkompetenzen, wie etwa Lesen und Schreiben. Vielmehr stünden lebenslanges Lernen oder Persönlichkeitsentwicklung im Fokus. Es wurde bewusst ein breiter Begriff von Bildung angesetzt.
Wie Hutter ausführt, zeigt eine Studie aus dem besagten Projekt, dass Bildungsengagement in allen Bereichen der Zivilgesellschaft passiere: Bei rund 60 % der Engagierten und in jedem zweiten Verein finde Bildungsengagement statt. Es stelle somit ein Querschnittsthema der Zivilgesellschaft dar und lasse sich nicht auf einzelne gemeinnützige Organisationen reduzieren
2. Kooperation ist ein wichtiger Baustein für Bildungsengagement – hierfür braucht es aber ein klares Selbstverständnis der zivilgesellschaftlichen Organisationen
Bildungsengagement brauche starke Organisationen, die es eng begleiten, so Hutter. Denn es handele sich um ein sehr kontinuierliches Engagement, das starkes Commitment des Einzelnen bedarf. Gleichzeitig müssten Organisationen Zugang zu Zielgruppen ermöglichen und Freiwillige in ihrem Engagement gut qualifizieren – eine anspruchsvolle Aufgabe für die Organisationen, die häufig mit knappen Ressourcen und mit von Freiwilligkeit geprägten Strukturen agierten.
Wie der Sozialwissenschaftler betont, zeige sich in der Forschung, dass Bildungsengagement stark von Kooperation lebt. Dies lege zum einen an den Anforderungen, wie etwa bestimmte Zielgruppen zu erreichen. Aber auch die Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung verschiedener Organisationen zeigten einen stark kooperativen Charakter. Ein Problem hierbei: Viele sehen sich selbst nicht als Bildungsakteure an. Daher appelliert Prof. Hutter, dass die Organisationen ihre wichtigen Beiträge zur Bildungsarbeit vor Ort selbstbewusst benennen. Mit dem Konzept Bildungsengagement wolle man hier auch einen Impuls aus der Forschung in die Zivilgesellschaft einbringen. Insgesamt müssten Bildungs-, Engagement- und Demokratiepolitik stärker zusammengedacht und mit regionalen Förderungen bedacht werden – an den Bedarfen vor Ort orientiert.
3. Demokratie lebt von Differenz – gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeutet, hiermit einen Umgang zu finden
Polarisierung zeigt sich an verschiedenen Stellen unserer Gesellschaft. Ideologische oder themenbasierte Trennlinien nannte Swen Hutter als Beispiele. Doch zunehmend gewinnen auch Phänomene an Relevanz, welche die Forschung als „affektive Polarisierung“ bezeichnet. Diese Form sei mehr als ein Interessensgegensatz: Sehr starke Gefühle den Gleichgesinnten und Andersdenkenden gegenüber prägen die politische Auseinandersetzung. Folgen hiervon sind Entmenschlichung des Gegenübers oder Abbruch sozialer Interaktionen. Dies könne negative Folgen für unser Zusammenleben haben und durch politische Akteure gezielt verstärkt werden.
Doch laut Hutter gehört Differenz zu einer modernen Gesellschaft und Demokratie dazu. Für ihn bedeute gesellschaftlicher Zusammenhalt keine homogene Gesellschaft. Vielmehr sei dieser ein Zusammenleben, in dem ein Umgang mit Differenzen gefunden wird. Die Zivilgesellschaft übernehme hier eine wichtige Aufgabe: Sie mobilisiere Menschen, stelle Zustände in Frage und bringe verschiedene Lager zusammen. Für den Professor für politische Soziologie würden in der Zivilgesellschaft Brücken gebaut und gemeinsame Ziele angegangen.
4. Es gibt bereits viele Strategien im Umgang mit Rechtsextremismus – herausfordernd bleiben aber ambivalente Situationen vor Ort
Die Wirksamkeit von Protest und Bündnissen gegen Rechtsextremismus seien bereits gut erforscht. Die Wirkung von zivilgesellschaftlichem Handeln vor Ort allerdings weniger. Das Projekt „Wirksam gegen Rechtsaußen“ des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung möchte laut Hutter diese Lücke schließen: So gebe es bereits viele Erkenntnisse, Handreichungen und Überlegungen für Strategien gegen Rechtextremismus. Diese seien oftmals aber eher auf Konflikte ausgelegt, etwa zur Frage, wie man mit rechtsextremen und anti-demokratischen Parolen umgeht. Es fehle aber noch an Gegenstrategien für ambivalente Situationen vor Ort – etwa, wenn zivilgesellschaftliche Strukturen gezielt unterwandert werden oder rechtsextreme Gesinnung unter Vereinsmitgliedern deutlicher werden. Besonders in einer gesellschaftlichen Situation der affektiven Polarisierung, mit stark emotionalisierten Debatten, würden diese Situationen häufiger – ein Umgang stelle Organisationen oftmals vor Herausforderungen.
5. In der Engagementforschung gibt es noch Lücken, etwa zu den politischen Einstellungen von Freiwilligen
Was würden Sie erforschen, wenn sie unbegrenzt Mittel zur Verfügung hätten? Auf diese Frage hatte Swen Hutter verschiedene Antworten. Neben den klassischen Spaltungslinien unserer Gesellschaft zeigen sich auch immer stärker „neue Konfliktlinien“, etwa zu Migration oder europäischer Integration. Diese neue „Versäulung“ bilde neue politische Lager. Diese zu verstehen, sei wichtig, um einen gesellschaftlichen „Zement“ zu bilden. Denn hier zeige sich auch eine Lücke in der Engagementforschung: Man wisse zu wenig über die Freiwilligen, etwa zu ihren Kontakten, politischen Einstellungen und Merkmale, die auch Rückschlüsse auf ihre Verortung in der Gesellschaft geben. So könne auch die demokratiestärkende Wirkung von Engagement besser herausgestellt werden.
Zum Abschluss betonte Prof. Hutter, wie wichtig es ist die ganze Breite des Engagements darzustellen. Die Zivilgesellschaft dürfe widerspenstig und unangenehm sein und solle abseits der Politik funktionieren können und dürfen – davon lebe eine Demokratie. Diese Unabhängigkeit sollte laut Hutter geschützt und auch gefördert werden.
Zur Person
Prof. Dr. Swen Hutter ist seit 2018 Professor für Politische Soziologie an der Freien Universität Berlin sowie seit 2022 Direktor des „Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), an dem „Antworten auf grundlegende Fragen zur Zukunft der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ erarbeitet werden. Erkenntnisse zu dem Projekt „Zivilgesellschaft und Bildung“ hat er mit Kolleg:innen hier (PDF) zusammengefasst. Zum „Umgang mit affektiver Polarisierung“ arbeitet er derzeit interdisziplinär im Forschungsverbund „Einstein Research Unit“ (mehr hier), wobei auch „praxisnahe Ansätze“ und „konkrete Werkzeuge“ entwickelt werden sollen.
