Wie sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen freiwilliges Engagement besser verstehen und dessen Förderung gestalten lässt – Einsichten aus dem Digitaltalk am 9. März 2026
Welche politischen Einstellungen lassen sich bei Engagierten feststellen? Und wie blicken sie auf Demokratie und Politik? Und wie stark ist autoritäres Denken auch im Engagement verbreitet? Bisher gab es kaum verlässliche Daten zu diesen Fragen. Doch ein Blick auf die Empirie ist auch für die Arbeit vor Ort wichtig – denn die Zivilgesellschaft ist zunehmend gefordert, die Demokratie zu stärken und sie gegenüber Bedrohungen zu behaupten. Eine neue Studie der Universität Leipzig und der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE), zusammengefasst in einem Arbeitspapier, liefert jetzt erste Antworten dazu, wie Engagierte politisch eingestellt sind.

Ein guter Anlass, in den 55 Minuten einen Blick darauf zu werfen – mit einer der Autorinnen: Beim Digitaltalk am 9. März beleuchtete Dr. Julia Schlicht von der DSEE Hintergründe und zentrale Erkenntnisse der Studie und erläuterte den Forschungsbereich der Stiftung. Dabei ermutigte sie die über 70 anwesenden Kolleg:innen: Erkenntnisse und Zahlen aus den zahlreichen Engagement-Studien sollten für die Arbeit vor Ort genutzt werden. Mit umfangreicher Expertise aus der Praxis könnten Freiwilligenagenturen auch mit Partner:innen vor Ort Forschungsvorhaben anstoßen.
Der Digitaltalk ist hier zum Nachhören auf unserem YouTube-Kanal verfügbar.
Das sind nur einige der zentralen Botschaften aus dem Gespräch mit Julia Schlicht. In dieser Kurzdokumentation finden sich zentrale Einsichten aus dem Digitaltalk:
1. Wissenschaftliche Studien und Fakten sind wichtig für eine langfristige und nachhaltige Engagementförderung – das gilt auch für die Arbeit vor Ort
Ganze 47 Studien und wissenschaftliche Veröffentlichungen hat die noch junge Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt gefördert oder selbst Forschungsvorhaben mit umgesetzt. Wie Dr. Julia Schlicht im Digitaltalk betont, sei vor allem die Praxisorientierung für den Forschungsbereich der Stiftung wichtig. Die Erkenntnisse und wissenschaftlichen Fakten seien auch für die Gestaltung der Engagementförderung wichtig: laut Schlicht nicht nur für die eigenen Angebote, sondern auch für die Diskussion mit politischen Entscheider:innen. Die Forschungsergebnisse gäben so eine gemeinsame Diskussionsgrundlage.
Auch Freiwilligenagenturen waren bereits Gegenstand von Forschungsvorhaben, die durch die DSEE ermöglicht wurden. Darunter eine Studie zu kommunaler Engagementförderung oder Freiwilligenagenturen als engagementfördernde Infrastruktureinrichtungen. Einsichten daraus lassen sich Julia Schlicht zufolge für die eigene Arbeit vor Ort nutzen. Etwa um Organisationen zu stärken, die eigene Wirkung zu verdeutlichen oder Angebote bedarfsgerecht zu gestalten.
2. Freiwillige sind zufriedener mit der Demokratie und fühlen seltener „politische Deprivation“
Im Zuge der „Leipziger Autoritarismus Studie“ erhoben Forschende der DSEE und der Universität Leipzig im Jahr 2024 umfassend politische Einstellungen von Engagierten. Mit einer Datengrundlage von 2.500 Befragten lassen sich valide Aussagen treffen, etwa wie stark autoritäres Denken oder die Zufriedenheit mit der Demokratie ausgeprägt ist. Wie Schlicht ausführt, untersuchten die Forscher:innen auch Dimensionen von Rechtsextremismus, wie Ausländerfeindlichkeit, Verharmlosung von nationalsozialistischer Ideologie oder chauvinistische „Deutschland first“-Sichtweisen. Eine zentrale Erkenntnis der Forschung: Engagierte Menschen weisen deutlich seltener autoritäres und rechtsextremes Denken auf und sind signifikant zufriedener mit der Demokratie – als Idee, so wie sie in der Verfassung verankert ist und mit der praktischen Umsetzung in Deutschland.
Selbstwirksamkeit sei laut Dr. Julia Schlicht ein oft genanntes Konzept, welches allerdings in der Forschung auch kritisch betrachtet werde: Auch die Teilnahme an einer rechtsextremen Demonstration könne etwa das Gefühl von Selbstwirksamkeit erzeugen. In der besagten Studie wurde daher auf den Begriff der „politischen Deprivation“, also dem Erleben fehlender Einflussnahme auf das politische Geschehen, zurückgegriffen. Mit Blick auf die Zahlen werde deutlich, dass Freiwillige sich deutlich seltener politisch depriviert fühlen. Ihr Engagement führe also zu dem Gefühl einer politischen Wirksamkeit bzw. Bedeutsamkeit. Diese Werte seien bei Nicht-Engagierten signifikant geringer.
3. Auch bei Teilen von Engagierten zeigt sich rechtsautoritäres Denken
Insgesamt drei Einstellungstypen sind laut Dr. Julia Schlicht unter den Engagierten zu erkennen: der resilient-demokratische, der fragil-demokratische und der rechtsautoritäre Typ. Je nach Bildungsgrad, Einkommen, regionale Verortung oder Geschlecht zeigten sich unterschiedliche Häufigkeiten der Einstellungstypen: Frauen zum Beispiel seien häufiger resilient-demokratisch eingestellt als Männer.
Während 38,5 % der „resilient-demokratisch“ Engagierten hohe Ausprägungen demokratischer Werte zeigen und 39,2 Prozent als „fragil-demokratisch“ gelten, gibt es 22,2 %, die „rechtsautoritär“ einzustufen sind und ausgeprägte ethnozentrische Sichtweisen und Facetten neonationalsozialistischer Überzeugungen aufweisen. Alle Typen sind in jedem Engagementbereich anzutreffen. Entsprechendes Gedankengut bei Freiwilligen sei den Daten zufolge somit nicht ein exklusives Phänomen für bestimmte gesellschaftliche Teilbereiche in Deutschland. Ob es besondere „lokale Konstellationen“ gibt, in denen sich der rechtsautoritäre Typus häufiger finden lässt, lässt sich anhand der Daten nicht valide nachweisen.
4. Politik und Öffentlichkeit sollten die ganze Breite des freiwilligen Engagements wertschätzen – auch informelle Engagementformen
Wie jede einmalige quantitative Erhebung, die zudem zwangsläufig nur eine begrenzte Menge an Daten erheben kann, stößt auch die Einstellungs-Studie an Grenzen. Wie im Digitaltalk deutlich wird, kann man darüber etwa nicht den kausalen Mechanismus klären. Also etwa die Frage, ob rechtsautoritäres Denken durch Engagement vermindert wird – oder ob sich ohnehin bereits demokratisch eingestellte Menschen eher engagieren. Auch für Fragen der lokalen Verteilung von Einstellungstypen brauche es laut Julia Schlicht weiterführende Forschung und eine belastbare Datengrundlage.
Trotzdem leiten die Forscher:innen der Studie wichtige Handlungsempfehlungen aus den Zahlen ab. Prof. Dr. Oliver Decker fordert etwa „stabile Engagementstrukturen, die auch informelle Engagementformen berücksichtigen“. Julia Schlicht schließt hieran an: Da Engagement – auch durch politische Akteure und mediale Öffentlichkeit – unter Druck gerät, muss die gesamte Bandbreite des Engagements anerkannt werden und Wertschätzung erfahren. Denn wie die Studie zeige, kommen in der Zivilgesellschaft demokratisch eingestellte Menschen zusammen, um zu gestalten und politische Wirkung zu entfalten. Dieses Potenzial der Zivilgesellschaft müsse auch durch Öffentlichkeit und Politik gewürdigt werden.
5. Auch Freiwilligenagenturen sollten ihre praktische Expertise nutzen, um mit wissenschaftlichen Partner:innen vor Ort Forschung anzustoßen
Zum Abschluss des Gesprächs formulierte Dr. Schlicht einige Botschaften an die Kolleg:innen aus den Freiwilligenagenturen. Empirische Erkenntnisse sollten vor Ort genutzt werden und mit Organisationen geteilt werden. Sie plädierte aber auch für Freiwilligenagenturen als Kooperationspartner:innen der Forschung: Die Agenturen sollten sich trauen, mit wissenschaftlichen Akteuren vor Ort – wie Universitäten oder Hochschulen – aktiv zu werden. Damit könnte eine praxisorientierte, transdisziplinäre Forschung vorangetrieben werden. Dies biete wichtige Erkenntnisse für eine gezielte, nachhaltige Engagementförderung.
Zur Person
Seit sie über „Einflussfaktoren von freiwilligem Engagement“ promoviert hat, war Dr. Julia Schlicht stets an der Schnittstelle von Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Staat tätig, etwa beim Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. oder beim Institut für angewandte Sozialwissenschaften Stuttgart. Bei der DSEE leitet sie derzeit den Bereich Wissenstransfer und Forschung. Für sie gilt: „Empirie hilft, Engagementförderung und -politik nachhaltig zu gestalten.“
