Mit Diversität, Wertekompass und Begegnung für eine vielfältige Demokratie: Einblicke in den digitalen Thementag des NETZWERK ENGAGEMENTFÖRDERUNG am 5. Dezember
In politisch unsicheren Zeiten scheint es umso wichtiger, Selbstwirksamkeit, demokratische Werte und Vielfalt zu stärken. Wie dies gelingen kann, darüber tauschten sich engagementfördernde Infrastruktureinrichtungen beim diesjährigen Thementag des NETZWERK ENGAGEMENTFÖRDERUNG aus – passend am 5. Dezember, den Internationalen Tag des Ehrenamts.

Über 80 Teilnehmende aus Bürgerstiftungen Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäusern, Seniorenbüros und Selbsthilfekontaktstellen diskutierten über die gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen ihre Einrichtungen im lokalen Raum stehen. Als inhaltliche Kooperationspartnerin für den Tag konnte zudem die Nebenan.de-Stiftung gewonnen werden.
Die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Organisationen ist auch durch eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft beeinflusst: Die öffentliche Debatte ist rauer geworden – populistische und rechtsextreme Parteien erhalten verstärkten Zulauf.
Bis in die bürgerliche Mitte hinein werden ausgrenzende und demokratiefeindliche Positionen geteilt. Dies ist Anlass zur Sorge – auch für die Infrastruktureinrichtungen vor Ort. Gleichzeitig ist es aber auch Anlass nach konkreten Ansätzen zu suchen. Etwa wie das Engagement der Menschen ein demokratisches Miteinander in gesellschaftlicher Vielfalt gestalten kann.
In einem aktualisierten Positionspapier stellt sich das NETZWERK ENGAGEMENTFÖRDERUNG vor: Es ist hier als Download verfügbar. Das Netzwerk bündelt die Erfahrungen und Kräfte der über 2.000 Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros, Mehrgenerationenhäuser, Bürgerstiftungen und Selbsthilfekontaktstellen in Deutschland und vertritt ihre gemeinsamen Interessen gegenüber Politik und Öffentlichkeit.
Zum Verhältnis von Demokratie, Vielfalt und Zivilgesellschaft: Ein Input von Dr. Siri Hummel
Den Auftakt des Thementages machte die Direktorin des Maecenata-Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft, Dr. Siri Hummel, mit einem Impulsbeitrag zur begrifflichen Bestimmung von Demokratie, Vielfalt und Zivilgesellschaft.
Sie sieht eine gemeinsame Klammer dieser häufig sehr breit interpretierten Begriffe: Diese finde sich in der Vorstellung einer „guten und gerechten Gesellschaft“ und setze eine prosoziale Einstellung und den prinzipiellen „Schutz der Schwachen“ voraus. Demokratie könne in diesem Sinn nicht nur als Staatsform, sondern auch als Lebensart verstanden werden, die ein Gerechtigkeitsversprechen in sich trägt. Um diesen demokratischen Anspruch zu verwirklichen, sind laut Dr. Hummel die Menschen und ihr Engagement in der Zivilgesellschaft gefordert. Die soziale Diversität müsse also auch in den Organisationen der Engagementförderung „gelebt“ werden.

Die Präsentation zum Input von Dr. Siri Hummel ist hier als Download verfügbar.
Workshops mit Einblicken aus der Praxis: Einsamkeit bekämpfen, Engagement schützen, Haltung zeigen
Anschließend lieferten die beteiligten Organisationen in verschiedenen Workshops einen Einblick in ihre praktische Arbeit zum Themenfeld. Hier ging es um die Selbstverpflichtung der Bürgerstiftungen in Deutschland für Demokratie, Menschenwürde und Vielfalt, das bagfa-Projekt Schutzraum Freiwilligenagentur oder die Erfahrungen der Mehrgenerationenhäuser, wie demokratiefeindlichen Tendenzen entgegenwirkt werden kann. Außerdem zeigte die Nebenan.de Stiftung Auswirkungen von Einsamkeit auf den demokratischen Zusammenhalt, die NAKOS beleuchtete Lernerfahrungen aus der Studie „Menschen- und demokratiefeindliche Strömungen in der Selbsthilfe“und die Seniorenbüros teilten Einblicke aus dem Projekt Generationen-Kulturen-Vielfalt.
Einblicke in die Workshops und weiterführende Materialien sind hier zu finden:
Projekt „Schutzraum Freiwilligenagentur“
bagfa e.V.
Seit Mitte 2024 beschäftigt sich die bagfa, gemeinsam mit zwei Freiwilligenagenturen und einer Landesarbeitsgemeinschaft intensiv mit dem Thema Schutz und Prävention im Engagement. Der Workshop zeigte Einblicke in das Projekt und öffnete den Raum für eigene Erfahrungen. So zeigte sich, dass offene Orte, die sich für Demokratie und Vielfalt einsetzen, besonders schutzbedürftig sind – auch um diese zu erhalten. Ein klares Leitbild ist hierbei hilfreich: Es zeigt eine feste Wertebasis und kann als Grundlage für Konsequenzen dienen. Etwa, wenn diskriminierende und antidemokratische Meinungen in die Organisation getragen werden. Doch vor allem Prävention ist ein wichtiges Stichwort: Bedarfs- und ressourcenorientiert sollten bereits Schutzkonzepte vorliegen – am besten bevor der Ernstfall eintritt.
„Bürgerstiftungen machen sich stark für Demokratie: Eine Selbstverpflichtung“
Bündnis der Bürgerstiftungen
Wie können wir unsere demokratische Haltung gemeinsam nach Außen tragen: Das Bündnis der Bürgerstiftungen zeigte in dem Workshop ein Beispiel aus der Praxis auf. Mit einer Selbstverpflichtung zum Unterzeichnen und einer Demokratie-Kampagne, inklusive Materialien, lud das Bündnis zum Mitmachen ein. So positionierten sich Bürgerstiftungen deutschlandweit für eine demokratische Gesellschaft, organisierten Gesprächsrunden und stellten zahlreiche neue Projekte zum Thema Demokratie auf die Beine.
„Demokratiefeindlichen Tendenzen entgegenwirken: Erfahrungen in den MGH“
Bundesnetzwerk Mehrgenerationenhäuser
Über 500 Mehrgenerationenhäuser fördern seit vielen Jahren vorurteilsfreie Begegnung, Engagement und gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie Menschen aller Generationen durch Begegnung und gemeinsames Engagement miteinander verbinden. In dem Workshop zeigte das Bundesnetzwerk Mehrgenerationenhäuser wie dieser demokratiefördernde Ansatz in der Praxis umgesetzt werden kann. Dabei teilte das Netzwerk Erfahrungen aus der „Arbeitsgruppe Demokratie“. Wichtig seien hier, ein klares Grundbewusstsein in Form eines Leitbilds und offene Orte des Willkommens. Die Stärkung von Mitarbeitenden, etwa durch Fortbildungen, kann helfen, auch vor demokratiefeindlichen Akteuren zu schützen.
„Einsamkeit und die Auswirkungen auf Demokratie und Zusammenhalt“
Nebenan.de Stiftung
Einsamkeit ist nicht allein ein individuelles Problem: Sie ist eine komplexe gesellschaftliche Herausforderung, die Demokratie und Zusammenhalt gefährdet. Einsame Menschen vertrauen weniger ihren Mitmenschen und den politischen Institutionen und sind anfällig für autoritäre Haltungen und Verschwörungserzählungen. In dem Workshop der Nebenan.de Stiftung wurden diese Phänomene diskutiert und eigene Erfahrungen eingebracht. Es zeigt sich: Einsamkeit zu bekämpfen und zurückgezogene Menschen zu erreichen bringt viele Kolleg:innen an ihre Grenzen. Vor allem für Begleitung und Verweisberatung werden sich gemeinsame Netzwerke und Strukturen gewünscht – auch um präventiv mit den eigenen Angeboten zu wirken.
„Studie Menschen- und demokratiefeindliche Strömungen in der Selbsthilfe“
NAKOS
Für die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. führte NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen) die erste bundesweite Befragung zu menschen- und demokratiefeindlichen Strömungen in der Selbsthilfe durch. Es wurde untersucht, ob und wenn ja, von welchen Erfahrungen mit Menschen- und Demokratiefeindlichkeit Mitarbeitende von Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen berichten können. Die Studie zeigt: Über die Hälfte der Mitarbeitenden dieser Einrichtungen sind demokratiefeindliche Vorfälle bekannt, hierzu gehören etwa Bedrohungen, konkrete Übergriffe, Rassismus oder Verschwörungsdenken. Leider musste dieser Workshop entfallen.
Projekt „Generationen-Kulturen-Vielfalt“
Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (BaS)
Das Projekt fördert generations- und kulturübergreifende Begegnungen von engagierten Senior:innen und jungen Menschen mit Migrationshintergrund bzw. Fluchterfahrung. Gemeinsam entwickeln sie lokale Projekte mit eigenen Themen und Herzensanliegen. Sie nutzen dafür kreative und innovative Formen aus Kunst, Kultur, Sport, Musik, wie z.B. Koch-Events oder multikulturelle Spaziergänge. Leider musste dieser Workshop entfallen.
Alle praktischen Ansätze und Positionierungen haben gemein, dass sie Orte schaffen, die Begegnung ermöglichen und niemand ausgrenzen wollen. Egal, ob es um von Einsamkeit Betroffene geht, Geflüchtete oder Menschen mit anderen sozialen Hintergründen, es wird eine prinzipielle Offenheit für diverse Gruppen angestrebt. Damit können die lokalen Infrastruktureinrichtungen Anlaufpunkte für marginalisierte Gruppen oder auch mitunter „Schutzräume“ sein. Voraussetzung ist ein Bemühen um ein vorurteilsfreies Aufeinanderzugehen und eine stärke Öffnung der eigenen Organisation.
Dies bedeutet auch eine noch intensivere Vernetzung und Kooperation mit weiteren Akteuren, um sich gegenseitig zu stärken. Gegenüber demokratiefeindlichen Tendenzen hilft ein „eigener Kompass“ und ein Zusammenstehen der haupt- und ehrenamtlich Tätigen. In diesem mitunter mühseligen Engagement sind auch kleine Schritte wertvoll und das bereits Erreichte sollte angemessene Wertschätzung erfahren.
Vielfalt gestalten und zeigen: Impulse von Idil Efe
Nach den Workshops ging es weiter mit einem aktivierenden Impuls: Diesen gab die Diversity-Trainerin Idil Efe mit ihrem Beitrag „Bei uns anfangen: Vielfalt gestalten und Vielfalt zeigen!“. Sie erläuterte, was uns verbindet und was uns trennt. Unser heutiges Verständnis habe materielle und historische Wurzeln. Die Vorstellung eines neuen „Wir“ von gesellschaftlicher Vielfalt bedürfe zunächst einer bewussten Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit der eigenen Identität. Deshalb ermunterte sie die Teilnehmenden zu einer individuellen Selbstreflexion. Für Idil Efe ist „Ambigiutätstoleranz eine Schlüsselkonzept für die moderne Gesellschaft“.

Der anschließende Austausch in Kleingruppen zur Frage „Was ist für mich Diversitätskompetenz?“ ergab eine Vielzahl von Anregungen. Grundsätzlich wurde festgestellt, dass es einer Anerkennung und Wertschätzung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden bedarf. Dabei stellt sich auch die Frage, wie divers die Organisationen selbst bereits aufgestellt sind und welche Schritte hierfür noch zu gehen sind. Wichtig ist also nicht nur eine reflektierte und klare Haltung nach außen, sondern auch ein Arbeiten an den eigenen Strukturen.
Die Präsentation zum Impuls von Idil Efe ist hier als Download verfügbar.
Sprechfähig werden, um sich aktiv einzumischen: Im Gespräch mit Mamad Mohamad
Im abschließenden Gespräch ermutigte der Vorsitzende der Bundeskonferenz der Migrantenorganisationen, Mamad Mohamad, die Teilnehmenden gemeinsam für Vielfalt einzustehen. Es forderte dazu auf, sich trotz der aktuell schwierigen gesellschaftlichen und politischen Situation nicht in einen negativen Sog ziehen zu lassen.
Vielmehr müssten sich die demokratischen Kräfte zusammenschließen und ein positives Gegenbild entwickeln. Es sei es an der Zeit „sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen“, d.h. sich stärker zu vernetzen und sprechfähig zu werden. Dabei komme den migrantischen Akteuren und ihren Selbstorganisationen eine wichtige Rolle zu. Doch klar sei auch: Hierfür bedarf es breiter Bündnisse. Gesellschaftliche Fehlentwicklungen müssten klar angesprochen werden, das Feld dürfe nicht den Populisten überlassen werden. Vertrauen in die eigene Stärke und die Hoffnung auf Veränderung seien für ihn wichtige Motivationsfaktoren, um weiter aktiv zu bleiben.

Was bleibt vom Thementag? Die engagementfördernden Infrastrukturen zeigten, dass ihr Engagement untrennbar mit demokratischen Werten verbunden ist. Jede Person und ihre Vielfalt sind dabei von großer Bedeutung – das kann außen noch stärker sichtbar gemacht werden. Vor Ort können Allianzen mit anderen gebildet werden, um gemeinsam Haltung zu zeigen. Der Ansatz hierbei: Voneinander lernen, Erfahrungen teilen und das eigene Handeln als Teil eines größeren Ganzen erleben.
Im NETZWERK ENGAGEMENTFÖRDERUNG haben sich die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. (bagfa), die Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V. (BaS), die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (DAG SHG), das Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands (BBD) und das Bundesnetzwerk Mehrgenerationenhäuser e.V. (BNW MGH) zusammengeschlossen. Sie haben sich – über die Besonderheiten der jeweiligen Einrichtungen hinweg – gemeinsam zur Aufgabe gemacht, die lokalen Engagementstrukturen nachhaltig und verlässlich zu stärken.
