Einsamkeit betrifft die gesamte Gesellschaft – Begegnung, Engagement und Gemeinschaft sind effektive Gegenmittel. Einblicke aus dem digitalen Thementag am 8. Dezember 2025

Einsamkeit entwickelt sich zunehmend zu einer gesellschaftlichen Herausforderung – das zeigt auch ein Blick auf neuste Studien wie das aktuelle Einsamkeitsbarometer. Freiwilliges Engagement hat zweifellos das Potenzial, hier eine zentrale soziale Antwort zu sein.
Doch wie kann es konkret wirkungsvolle Begegnung schaffen? Wie können Infrastruktureinrichtungen und zivilgesellschaftliche Projekte Menschen wieder in Austausch und Gemeinschaft bringen – und Einsamkeit vorbeugen? Und was bedeutet das für unseren Alltag? Diese und viele weitere Fragen beschäftigten 300 Kolleg:innen beim digitalen Thementag „Wege aus der Einsamkeit. Engagement, das verbindet.“ am 8. Dezember.
In den Einblicken aus Wissenschaft, Praxis und bundesweiter Engagementförderung wurde deutlich: Um Einsamkeit effektiv zu vermeiden und entgegenzuwirken, braucht es Angebote für Partizipation und Teilhabe, offene Begegnungsorte und gemeinsame Ziele – Engagement kann dabei eine zentrale Rolle spielen. Der Thementag war eine Kooperationsveranstaltung des Bündnisses der Bürgerstiftungen Deutschlands, der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (BaS e.V.), der nebenan.de Stiftung und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. (bagfa).


Zum Start fragten die Moderatorinnen und Geschäftsführerinnen Ulrike Reichart (Bündnis Bürgerstiftungen Deutschland) und Caroline Kuhl (BaS e.V.) die Teilnehmenden: Was ist das Gegenteil von Einsamkeit? In einer Mentimeter-Umfrage erschienen viele Begriffe und Aspekte, die einen ersten Hinweis auf Strategien gegen Einsamkeit gaben.

Ein weites Feld für die Praxis: Impuls von Prof. Dr. Sonia Lippke über den Forschungsstand zu Einsamkeit
Im Schnitt fühlt sich jeder zweite Mensch in der Bundesrepublik einsam. Besonders im Zuge der Corona-Pandemie ist das Einsamkeitsempfinden stark gestiegen – und auch nach dem Wegfall der Kontaktbeschränkungen auf einem höheren Niveau geblieben. Das sind nur zwei Erkenntnisse aus der Forschung, die Prof. Dr. Sonia Lippke im Zuge des Thementags teilte. In einem Impuls zeigte die Professorin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg den aktuellen Stand zur einschlägigen Forschung. Die Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention betonte, dass es sich bei Einsamkeit vor allem um ein subjektives Empfinden handele, das in verschiedenen Formen deutlich werden kann: Zu unterscheiden sei etwa soziale, körperliche oder kollektive Einsamkeit. Stets aber bringe sie viele Folgen mit sich, für die psychische und physische Gesundheit des Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft, weil Partizipation und soziale Teilhabe betroffen sind.
Die zahlreichen Begleiterscheinungen von Einsamkeit haben laut Lippke einen weiteren Effekt: Durch Rückkoppelung steigern sie die Einsamkeit von betroffenen Menschen noch einmal. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gelte. Vor allem, da das Phänomen auch im sozialen Umfeld der Betroffenen „Kreise zieht“: Lippke berichtet von einem „Ansteckungseffekt“, über den sich Einsamkeitsgefühle ausbreiten können.
Doch was hilft, um diese zu bekämpfen? Die Professorin plädierte für Angebote, die positive Erfahrungen in den Vordergrund stellen. Es helfe nicht nur, darüber zu sprechen, sondern in gemeinsamen Aktivitäten den Schwerpunkt auf gemeinschaftliche Ziele zu lenken. Das stärke die sozialen Fähigkeiten und gebe die Möglichkeit für Kontakte.

Um Einsamkeit nachhaltig zu überwinden, präsentierte Lippke sechs individuelle Schritte: 1. Verstehen, 2. Ziele setzen, 3. Bisherige Erfolge wertschätzen und optimistisch planen, 3. Sich überwinden zum ersten Schritt, 5. Erfolge belohnen und 6. eine stete Selbstreflexion.
Mit Blick auf den Forschungsstand sieht die Gesundheitsforscherin aber noch Lücken: Zwar wisse man schon gut, welche Angebote – oder Interventionen – helfen. Offen sei noch, welche Komponenten die besten Effekte für welche Zielgruppen erwirken. Verallgemeinert können folgende Maßnahmen laut Stand der Forschung gut wirken, wenn sie das folgende fördern:
- Produktives Engagement – ist effektiver als passive Aktivitäten
- Gruppeninterventionen, inkl. Sozialisierung oder Schaffung von Gelegenheiten zum Aufbau neuer sozialer Netzwerke
- Aktivitäten, die auf ein (gemeinsames) Ziel ausgerichtet sind
- Aktivitäten, die eine Herausforderung darstellen
- Partizipative Ansätze und selbstbestimmte, autonomiestärkende Aktivitäten
Austausch in Kleingruppen: Von der Forschung zur Arbeit vor Ort

Der Forschungsstand zeigte die große Tragweite von Einsamkeit, die eine Herausforderung für unsere Gesellschaft darstellt. Doch was bedeutet diese für unsere Arbeit vor Ort? Worüber muss für die Praxis weiter nachgedacht werden? Und welche Fragen sind nach dem Impuls offengeblieben? In Kleingruppen konnten diese Fragen verfolgt werden. Ein Blick auf die Notizen, die die Teilnehmenden auf einem Padlet festhielten, zeigt: Besonders die Frage, wie man „extrem“ einsame Menschen erreichen kann, beschäftigte die Kolleg:innen. Auch der empirische Befund, dass Einsamkeit „anstecke“ ist, regte zum Nachdenken an.
Das Padlet, mit gesammelten Notizen aus den Kleingruppen, ist hier als Download verfügbar.
Ein Feuerwerk aus der Praxis: Projekte stellen sich vor
Gemeinsame Ziele und aktives Engagement – wie sehen diese Strategien gegen Einsamkeit in der Praxis aus? Einige Antworten kamen von diversen Angeboten aus dem ganzen Land. Nicht weniger als 11 Projekte stellten sich vor. Die Teilnehmenden hatten in zwei zwanzigminütigen Sessions die Möglichkeit, die Organisationen und Ideen kennenzulernen und Fragen zu stellen.
Session 1: Die gute Stube e.V. (München, Bayern)
Ein inspirierender Begegnungsort in München mit niedrigschwelligen und kreativen Angeboten für alle Generationen. Nachbar:innen jeden Alters kommen hier zusammen, um gemeinsam neue und alte Hobbys aufzunehmen.
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Session 2: Kulturverein Jahrsdorf (Schleswig-Holstein)
Der Kulturverein bietet ein breites und alltagsnahes Angebot. Monatlich lädt er zu Aktionen wie Waldbaden, Abenteuern in der Natur, Kreativnachmittagen oder Kegeln ein. Es gibt Teams für Podcast- und Filmprojekte, jährlich vier bis fünf Bustouren sowie wöchentliches Boulen. 40 aktive Nachbar:innen zwischen 24 und 70 Jahren beteiligen sich rein ehrenamtlich.
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Session 3: PYR-einander (Markt Pyrbaum, Bayern)
Der Verein ist sehr gut mit den verschiedenen Akteuren und Organisationen in Markt Pyrbaum vernetzt und organisiert gemeinsame Aktivitäten und Events, die insbesondere die Senior:innen und den anderen Bewohner:innen der Gemeinde zusammenbringen.
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Session 4: Gemeinsam statt Einsam Fürstenwalde (Brandenburg)
Seit Dezember 2024 besuchen Schüler:innen der Rahn Education wöchentlich das Altenpflegeheim am Dom und gestalten gemeinsame Aktivitäten mit den Bewohner:innen. Die Treffen schenken Zeit, Nähe und Aufmerksamkeit und haben schnell zu festen Bindungen geführt. Darüber hinaus entstehen weitere Angebote wie Fitness-, Kunst- oder Theateraktionen.

Session 5: Radeln ohne Alter (bundesweit)
In jedem Alter kann das Leben Glück und Zufriedenheit bereithalten. Deswegen unternehmen die Aktiven ehrenamtlich Rikscha-Fahrten mit Senior:innen und Menschen, die nicht selber in die Pedale treten können. Jede Rikscha-Fahrt ist für die Fahrgäste und die Pilot:innen ein kleines Abenteuer, bei dem gemeinsame Erinnerungen geschaffen und Lebensgeschichten geteilt werden. Für beide Seiten ist sie eine Bereicherung – und manchmal macht sie aus Unbekannten Freunde. Radeln ohne Alter ist ein Bundesweites Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V.
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Session 6: Essen wie dahoam, Seniorenbüro Passau (Bayern)
Ein Mittagstisch in der Nachbarschaft als Angebot, in netter Gesellschaft anstatt alleine zu essen – das ist die Idee des Projekts „Essen wie dahoam“. Private Gastgeber laden eine Gruppe von vier bis sechs Alleinstehenden in ihre Wohnung zum gemeinsamen Essen ein. Daniela Schalinski von der Fachstelle Senioren Landkreis Passau hat das Projekt initiiert und dazu Informationsveranstaltungen und einen Workshop für potentielle Gastgeber organisiert.
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Session 7: Tauschbox (Bocholt, Nordrhein-Westfalen)
„Tauschen statt Kaufen – Eine Tauschbox für die Nachbarschaft“ ist eines der Modellprojekte des Förderfonds Begegnung und Zusammenhalt. Der Verein Leben im Alter (L-i-A e.V.) setzt das Projekt seit 2024 im Bocholter Friedhofsviertel um, getragen von der BaS. Die „Tauschbox“ ist ein Gartenhaus am Quartierstreff, in dem Bewohner:innen Dinge abgeben oder mitnehmen können. Zusätzlich zu den spontanen Begegnungen, die sich dabei ergeben, werden kleine Projekte vor Ort umgesetzt. Das Viertel wurde bewusst gewählt, da viele Menschen dort in prekären Lebenslagen wohnen. Die Tauschbox kann punktuell materiell entlasten, dient aber vor allem als Ort der Begegnung. Menschen aller Altersgruppen und Herkünfte kommen zusammen, finden Nützliches oder kleine Freude – und erleben Gemeinschaft im Alltag.
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Session 8: SIT ‚N’ SKATE (u.a. in Hamburg, Dortmund)
Sit ‚n‘ Skate ist ein inklusives Sportprojekt, das Menschen im Rollstuhl durch Rollstuhlskaten mehr Mobilität, Selbstbewusstsein und Teilhabe ermöglicht. In regelmäßigen Workshops, offenen Skate-Treffs und Events kommen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, um gemeinsam neue Bewegungsformen auszuprobieren.
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Session 9: Senior:innen im Mittelpunkt (Essen, Nordrhein-Westfalen)
Mit dem Pilotprojekt „Senior:innen im Mittelpunkt – Beratung zur Teilhabe in Essen“ wollen die Contigo-Ruhr gGmbH und die Ehrenamt Agentur Essen e. V. ältere Menschen aus der sozialen Isolation holen – durch persönliche Beratung, ehrenamtlich. Das Projekt vereint professionelle, aufsuchende Seniorenarbeit und aktive ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe. Speziell geschulte Lots:innen besuchen Senior:innen zu Hause oder auf Wunsch im Café, hören zu, beraten und eröffnen Wege zurück in die Gesellschaft. Im Gespräch geht es um das, was ältere Menschen bewegt: Was fällt im Alltag schwer? Wobei wird Unterstützung gewünscht? Welche Hilfen könnten förderlich sein? Und: Wird Anschluss im Stadtteil gesucht? Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und unverbindlich.

Session 10: Seniorenbesuchsdienst “Klingelzeichen” (Halle a.d.S., Sachsen-Anhalt)
Eine Umarmung, ein offenes Ohr, Zeit für Gespräche – jede:r wünscht sich jemanden, mit dem er oder sie gemeinsam Zeit verbringen kann. Doch gerade im Alter sind viele Menschen ungewollt einsam, weil sie niemanden mehr haben oder aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen ihre Wohnung nicht mehr selbstständig verlassen können. Der Seniorenbesuchsdienst „Klingelzeichen“ richtet sich an Seniorinnen und Senioren, die in ihrer eigenen Wohnung selbstständig leben, und vermittelt neue Kontakte über Einzelpatenschaften.
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Session 11: we are village (Berlin)
we are village ist ein queeres Communityprojekt, das Räume bietet und schafft – für individuellen und kollektiven Austausch, Selbsterfahrung, Heilung, Ausdruck, Spiel, Kunst und Aktivismus. Erforscht werden Ideen und Praktiken rund um Verkörperung, Identität, Kreativität und sozialen Wandel. Die Aktiven organisieren eine Vielzahl von Veranstaltungen, Projekten, Kursen, Schulungen und Festivals. we are village ist ein physischer Anker und eine digitale Plattform, wo queere Menschen Zugehörigkeit finden und wachsen können. Das Communityprojekt fördert ein einladendes Klima für alle Altersgruppen, Genderidentitäten, Fähigkeiten, Herkünfte, Körper und Hautfarben. Darüber hinaus ist we are village eine Ressource und ein Netzwerk für Teilnehmende, Mitglieder, Lehrende, Kunstschaffende, Volunteers sowie queere Communities.
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Wo stehen wir im Feld Einsamkeit? Eine Bestandsaufnahme von Katharina Roth

Der wissenschaftliche Impuls und die Einblicke in die Praxis vermittelten ein umfassendes Bild darüber, wie es um Einsamkeit steht und wie zivilgesellschaftliche Organisationen dagegen vorgehen. Im Anschluss präsentierte Katharina Roth eine Bestandsaufnahme auf Bundes- und Länderebene, die Entwicklungen, Strukturen und Perspektiven aufzeigte.
Mit Blick auf die Wissenschaft betonte die Geschäftsführerin der nebenan.de Stiftung, dass der Forschungsstand zu Einsamkeit eher jung und die Datenbasis noch unzureichend sei – weltweit bestehe Forschungsbedarf. Sie ging auf die Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit ein und hob hervor, dass das seit 2024 jährlich erhobene Einsamkeitsbarometer die Auseinandersetzung mit dem Thema voranbringe. Zudem stärke die gerade gestartete Einsamkeitskampagne des BMBFSFJ „Mach Dich fit gegen Einsamkeit“ das Bewusstsein von Akteuren und Betroffenen gleichermaßen.
Die Präsentationen zu Strukturen und Perspektiven im Themenfeld Einsamkeit ist hier als Download verfügbar.
Darüber hinaus stellte sie Netzwerke und Strukturen in Deutschland und den Bundesländern vor, darunter das Kompetenzzentrum Einsamkeit (KNE) mit seiner „Angebotslandkarte gegen Einsamkeit“. Insgesamt gebe es zahlreiche Akteure auf Bundes- und Landesebene, die mit unterschiedlichen Projekten gegen Einsamkeit aktiv seien. Auch in 2026 wird dem Thema Einsamkeit glücklicherweise viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Die Geschäftsführerin betonte abschließend: Eng verbundene Nachbarschaften fördern ein Gemeinschaftsgefühl, das soziale Spaltung und Vereinsamung vorbeuge. Auch der Tag der Nachbarschaft am 29. Mai 2026 biete die Möglichkeit, gemeinsame Ziele zu setzen und das Miteinander zu stärken.
Mit Dritten Orten Begegnung ermöglichen und Einsamkeit bekämpfen: Im Gespräch mit Karin Haist
Zum Abschluss ordnete Karin Haist den bisherigen Thementag ein. Im Gespräch mit Tobias Kemnitzer, Co-Geschäftsführer der bagfa, stand die Frage im Raum: Was kann Zivilgesellschaft wirklich leisten?
Die langjährige Demografie-Expertin der Körber-Stiftung machte deutlich: Das Thema Einsamkeit wurde lange Jahre belächelt und als individuelle Angelegenheit abgetan. Daher freue sie sich, dass es nun größere Aufmerksamkeit bekäme und auf Bundesebene so schnell das Kompetenzzentrum Einsamkeit (KNE) geschaffen worden sei. Der Aufgabenmix des Zentrums sei überzeugend: ein gute Mischung aus Grundlagenforschung, empirischen Erhebungen und konkreten Aktionen. Die Zivilgesellschaft müsse hier als Resonanzraum für Forschungsergebnisse und politische Fragen begriffen werden. Laut Haist ist es wichtig, dass zivilgesellschaftliche Akteure sich aktiv einmischen – denn Einsamkeit bedeute oftmals auch Verdrossenheit gegenüber der Demokratie, der unbedingt entgegengewirkt werden müsse.

Als wichtiger Baustein zur Bekämpfung und Vorbeugung von Einsamkeit nannte Karin Haist Begegnungsorte. Diese Dritten Orte stellten eine wichtige Möglichkeit zur Begegnung und für den Austausch von Menschen dar. Besonders in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft brauche es solche Orte, im digitalen, aber vor allem im analogen Raum. So ließe sich Fragmentierung verringern, Diskurs ermöglichen und die Ambiguitätstoleranz der Menschen stärken.

Ein guter Dritter Ort sei offen und niedrigschwellig, bestenfalls frei von Konsum. Zufällige Begegnung und gemeinschaftlich genutzte Freiräume zeichneten solche Orte aus. Menschen müssten sich auch, ohne konkrete Angebote wahrzunehmen, eingeladen fühlen. Nachbarschaftszentren, Bürgerstiftungen, Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros, Mehrgenerationenhäuser oder öffentliche Bibliotheken seien geborene Dritte Orte. Aber auch andere Einrichtungen könnten Kommunen und Träger:innen viel stärker strategisch auf niedrigschwellige Begegnung ausrichten. Beispielsweise könnten durch Kooperationen existierende Vereinshäuser besser geöffnet werden oder auch öffentliche Gebäude wie Schulen am Abend für die Zivilgesellschaft nutzbar gemacht werden.
In Hinblick auf Einsamkeit geht es für die Demografie-Expertin darum, Menschen in den Austausch zu bekommen, statt explizit einsame Menschen anzusprechen. Sie riet dazu, die klassischen Rollen von Freiwilligen und Hilfesuchenden eher aufzuweichen, und plädierte für einen Paradigmenwechsel, nämlich einsamen Menschen eine aktive Rolle anzubieten. Nicht: Was brauchst du, sondern: Was kannst du? Umgekehrt sei auch für Engagierte ihr Tun manchmal Einsamkeitsprävention.
Wie kann eine Kommune Einsamkeit bekämpfen? Für Karin Haist ist die kommunale Ebene der entscheidende Handlungsort. Sie könne für das Tabuthema sensibilisieren, Anlaufstellen in der Verwaltung schaffen und Dritte Orte auf Quartiersebene öffnen, letzteres gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Trägern. Wichtige Hebel seien Engagementförderung und die Förderung gemeinschaftsorientierter Wohnformen.
Zum Abschluss wagte Karin Haist einen Blick in die Zukunft: Die Dimension von Einsamkeit als gesellschaftliches Thema müsse erkannt werden: Es gehe letztlich um den Zusammenhalt der Gesellschaft – Einsamkeit befördere auch politisches Desinteresse und gefährde in der Folge die Demokratie. Einsamkeit zu bekämpfen, gelinge am besten in enger Kooperation von Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Um die nationale Einsamkeitsstrategie vor Ort in die Praxis zu übersetzen, müssten Kommunen auch die nötigen Ressourcen erhalten. Ein möglichst flächendeckendes Netz an Aktivitäten und Begegnungsorten zu schaffen, müsse das Ziel sein. Die Zivilgesellschaft könne es leisten, Menschen zu „beheimaten“ und Gemeinschaft zu stärken. Eine Netzwerktagung wie die heutige und die große Beteiligung mache ihr dafür Mut.
Abschluss und Ausblick: Inspiriert und motiviert nach dem Thementag
Jede Menge Ideen, Beispiele aus der Praxis vor Ort, wissenschaftliche Befunde und Einschätzungen von Expert:innen: Der digitale Thementag bot ein facettenreiches Panorama zum Thema. Doch in den Diskussionen spielten nicht nur die Herausforderung durch Einsamkeit eine Rolle – auch die positiven Gegenstrategien fanden Platz: Vor allem die Gemeinschaft, das gemeinsames Handeln für ein größeres Ziel, die Begegnung und das Engagement wurden dabei beschrieben und mit guten Beispielen zum Leben erweckt. Dementsprechend inspiriert und motiviert verließen die zahlreichen Teilnehmenden auch den digitalen Thementag. In einer erneuten Menti-Umfrage bildete sich das wie folgt ab:
