Wie wir sicher bleiben und Engagement stärken – Eindrücke vom digitalen Arbeitsforum am 23. Februar 2026
Fragen von Schutz und Sicherheit, demokratischer Haltung und klarer Positionierung gewinnen an Bedeutung – das erleben zunehmend mehr Freiwilligenagenturen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Doch die Liste an Aufgaben zu dem Thema ist lang: Checklisten für Veranstaltungen, Informationen für das engagierte Netzwerk, Schutzkonzepte für Beratungsarbeit und klare Linien für die Öffentlichkeitsarbeit. Wo also anfangen?

Beim digitalen bagfa-Arbeitsforum „Schutz und Demokratie“ am 23. Februar diskutierten rund 30 Teilnehmende die Anknüpfungspunkte für ihre Arbeit vor Ort. Nach Darstellung erster Erkenntnisse aus der Umfrage unter Mitarbeitenden aller Freiwilligenagenturen berichteten Kolleg:innen aus der Praxis und gaben Einblicke in ihre (Netzwerk-) Arbeit.
Eine zentrale Erkenntnis des Arbeitsforums: Statt Panik aufkommen zu lassen, hilft es, sich für einen Ernstfall vorzubereiten und frühzeitig Elemente für ein Schutzkonzepten zu erarbeiten. Und: Netzwerke spielen für Sicherheits- und Schutz eine große Rolle. Auch für dieses Thema sollten Freiwilligenagenturen ansprechbar sein, wenn es die lokale Engagementlandschaft beschäftigt.
Grundlage des Arbeitsforums bildeten die Ergebnisse des Projekts „Schutz und Prävention in Freiwilligenagenturen verankern“, das die bagfa von Oktober bis Dezember 2025 umsetzte – gefördert von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE).
Strukturierte Prävention statt Alarmismus: Impuls von Dr. Benjamin Haas zur Online-Umfrage über Anfeindungen und Schutzbedarfe von Freiwilligenagenturen
Ein „relevantes Minderheitenphänomen“ – mit diesen Worten beschreibt Dr. Benjamin Haas die Situation zu Anfeindungen und Bedrohungen von Freiwilligenagenturen. Entsprechende Vorfälle gegenüber Freiwilligenagenturen fänden vor allem im Alltag statt und zeigten sich nicht in direkter körperlicher Gewalt. Dies sind nur zwei Erkenntnisse des freiberuflichen Wissenschaftlers, der zum Start des Arbeitsforums Ergebnisse einer Online-Umfrage aufzeigte, welche die bagfa Ende 2025 unter Mitarbeitenden aller Freiwilligenagenturen durchgeführt hatte und von 180 Kolleg:innen vollständig beantwortet wurde.
Wichtiger Hinweis hierbei: Die Antworten spiegeln die Sicht der einzelnen Mitarbeitenden wider – und nicht die der Freiwilligenagenturen als Organisation. Benjamin Hass betont, dass die Ergebnisse zwar nicht repräsentativ wären, sie aber trotzdem eine stabile Datengrundlage hätten. Die Studie zeige somit, wie viele Menschen in welcher Form mit dem Thema zu tun hätten. Und dabei offenbare sich ein Muster: Besonders sind Freiwilligenagenturen betroffen, die mit großen Teams in städtischen Räumen wirken – dies lasse sich für Haas auch auf die größere Sichtbarkeit dieser Agenturen im öffentlichen Raum zurückführen.

Die Umfrage fasst Haas in vier Leitthesen so zusammen:
- Nicht flächendeckend – aber relevant: Auch wenn sich keine Eskalation in Sachen Anfeindungen gegenüber Freiwilligenagenturen beobachten lasse, schildert eine Minderheit Vorfälle, die ernst zu nehmen sind. Da viele Kolleg:innen unsicher sind, wie sich die Vorfälle einordnen lassen, vermutet Benjamin Haas einen Graubereich.
- Alltag statt Extrem: Die Ereignisse lassen sich in der Regel im Alltagsgeschäft einer Freiwilligenagentur beobachten. Statt extremen Übergriffen werden Beleidigungen, Störungen von Veranstaltungen, Vorfälle in Beratungen und Hasskommentare in Sozialen Medien berichtet.
- Exposition erklärt viel: Besonders die „Haupt-Kontaktflächen“ Beratung, Veranstaltungen, digitaler Raum und Nahraum sind betroffen und bilden den Schwerpunkt von Schutzbedarfen. Vorfälle sind häufiger zu finden bei Agenturen, die sich stark den Themen Flucht, Migration, Integration und Klimaschutz widmen.
- Handlungssicherheit wächst durch Standards: Die meisten Kolleg:innen seien sich der Haltung der Agentur und deren Unterstützung sicher, zu selten werden allerdings präventiv Schutzkonzepte und Routinen für den Ernstfall aufgestellt, so Benjamin Haas. Dabei helfen bereits kleine Schritte und Maßnahmen, um mehr Handlungssicherheit zu erlangen.

Der Kurzbericht zur Online-Umfrage ist unter dem Titel „Freiwilligenagenturen im Spannungsfeld gesellschaftlicher Polarisierung“ hier zu finden. Die Studie wurde von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt gefördert.
Doch wie wirken sich die Vorfälle auf die Freiwilligenagenturen aus? Haas berichtet vom sogenannten „Antizipationsstress“. Es fänden in der Arbeit mehr Abwägungen statt, etwa wie ein Posting auf Social Media-Kanälen inhaltlich gestaltet wird. Auch polarisierte Diskussionen führen zu einer erhöhten psychischen Belastung unter den Mitarbeitenden der Agenturen. Bislang führe das noch nicht zu einem Rückzug aus der Öffentlichkeit oder zu Einschränkungen der Angebote. Insgesamt, so sagt der Forscher, ergebe sich aber für die Agenturen an vielen Stellen ein Mehraufwand, der ohnehin knappe Ressourcen binde. So müssen Beratungskonzepte überdacht, Veranstaltungen detailliert geplant und Kommunikation vielschichtig betrachtet werden.
Die Präsentation zum Impuls von Dr. Benjamin Haas ist hier als Download zu finden.
Zum Abschluss plädierte Benjamin Haas für einen pragmatischen Umgang: Nicht dramatisieren – nicht bagatellisieren – aber Schutz und Prävention als Auftrag der Organisationsentwicklung betrachten. Auch die kleinen Schritte in Sachen Schutzkonzepte und Prävention seien entscheidend, um weiterhin sichtbar eine offene und vielfältige Gesellschaft mitzugestalten. Dies ausreichend geschützt tun zu können, dafür fehle meist nicht der Wille, sondern die nötigen Ressourcen.
Im Netzwerk als Schutz- und Kraftraum wirken: Im Gespräch mit Kolleginnen aus Freiwilligenagenturen
Die bagfa-Umfrage zeigt: Freiwilligenagenturen werden teilweise bereits als Ansprechpartner:innen für Fragen zu Schutz- und Sicherheitskonzepten wahrgenommen – insbesondere im Zusammenhang mit Hass oder Störungen. Doch wie genau können die Agenturen in ihren Netzwerken wirken? Zwei Kolleginnen gaben hierzu in einem digitalen Gespräch Einblicke in ihre Arbeit vor Ort.

Stefanie Lenz, Koordinatorin von den Freiwilligenagenturen in Bernau, Ahrensfelde und Werneuchen und Geschäftsführung der lagfa Brandenburg, beteiligte sich in zwei bagfa-Projekten zu Schutz- und Prävention im Engagement. Im Gespräch teilte sie auch Einblicke in die Situation vor Ort: Besonders Jugend- und Vielfaltsprojekte in Brandenburg berichten von deutlich mehr Vorfällen, bedingt durch rechtsextreme Akteure. Insgesamt werde sichtbar, dass Aggressionen im Miteinander oder in Beratungssituationen zunehmen. Lenz blickt mit Sorge auf strategische Angriffe auf die Verteilung von Fördermitteln, etwa in der „Partnerschaft für Demokratie“, die zunehmend auf den Prüfstand gestellt werden oder von Kürzungen bedroht seien.
Außerdem berichtete die lagfa-Geschäftsführerin über die Arbeit im Kontext von Schutz und Prävention: Das Interesse an dem Thema sei groß, doch Sensibilisierung allein reiche nicht. Mangels Zeit komme vieles, was im Alltag einer Freiwilligenagentur passieren soll, zu kurz. Deshalb empfiehlt sie praktische Workshops, in denen die Kolleg:innen etwa ein Schutzkonzept gleich direkt erstellen können.
Für Lenz ist außerdem ein gut funktionierendes Netzwerk unabdingbar: für den Austausch von Informationen, aber auch für das psychische Sicherheitsgefühl. Das zeige, dass man nicht allein für Demokratie und Vielfalt streite. Für ein vitales Netzwerk helfen laut Stefanie Lenz auch offene Austauschformate: Nach den Landtagswahlen in Brandenburg öffnete die Freiwilligenagentur ihre Räume, um über die Wahlergebnisse zu sprechen. Hier kamen viele, auch bisher unbekannte Gesichter zusammen.
Was wenn das eigene Netzwerk oder Projekt zur Zielscheibe wird? In Köln hat man hierzu bereits Erfahrungen gesammelt. Wie Gabi Klein, Leiterin des Bereichs „Willkommenskultur“ bei der Freiwilligenagentur Köln, im Gespräch berichtet, geriet die Kampagnen „Ja zu Migration“ verschiedener Kölner Organisationen ins Visier einer Kampagne des Portals „NIUS“. Man habe hier schnell Details zum Umgang mit Falschmeldungen und Schutzkonzepten erarbeitet. Besonders wichtig war hier ein Netzwerk, in dem man Erfahrungen teilen und Anfeindungen gemeinsam einordnen könne, so Klein. Freiwilligenagenturen erhielten mehr Sichtbarkeit im Themenbereich Schutz, Prävention und Demokratie – daher plädiert sie dafür, dass Freiwilligenagenturen ihre Expertise noch stärker in Netzwerken teilen und so Organisationen unterstützen.

Gerade kleine Kooperationspartner:innen seien bei konkreten Anfeindungen und Vorfällen schnell überfordert. Ein stabiles Netzwerk könne hier einen wichtigen Faktor darstellen. Gabi Klein betont: Wir müssten uns nicht nur schützen, sondern auch gegenseitig Kraft geben. Freiwilligenagenturen sollten also Schutz- und Krafträume gestalten.
Austausch in Kleingruppen: Umsetzung von Schutz und Prävention in der Praxis
Und wie genau kann man nun vorgehen? In Kleingruppen zu drei Themenbereichen tauschten sich die Teilnehmenden aus, was ganz konkrete Aufgaben im Kontext Schutz und Sicherheit sind und wie sie sich bearbeiten lassen. Im Anschluss teilten die Sessiongebenden ihre Eindrücke:

Umfang mit Zielkonflikten und Ambivalenzen in Sachen Schutz und Sicherheit
Bernd Schüler von der bagfa hat sich mit Kollegen zwei Einzelfälle aus Freiwilligenagenturen genauer angeschaut. Deutlich wurde hier: Auch im Engagement zeigen sich mitunter alltägliche Vorurteile und eine Sprache, die schwer zu ertragen ist. Hiermit einen Umgang zu finden und zu bestimmen, was auszuhalten ist, was nicht und wie eine konkrete Antwort aussieht, wird als herausfordernd wahrgenommen.
Schutzkonzepte entwickeln
Die Freiwilligen-Agentur Halle e.V. beteiligte sich ebenfalls in den Schutzprojekten der bagfa. Wie die Leiterin Christine Sattler schilderte, beschäftigt die Kolleg:innen in ihrer Session Fragen des Neutralitätsgebots und des Umgangs mit rechtsextremen und mutmaßlich rechtsextremen Parteien und Akteuren, etwa im Kontext von Veranstaltungen, Wahlforen und Diskussionsabenden.

Schutz von Ehrenamtlichen
Eine Session mit Stefanie Lenz zeigte, wie man eine Risikoanalyse als Startpunkt für ein Schutzkonzept durchführt. Es ergab sich ein umfangreiches und komplexes Bild von möglichen Vorfällen und Unsicherheiten, aber auch klare Ansatzpunkte, um ins Handeln zu kommen. Sie schlug den Kolleg:innen als „Hausaufgabe“ vor, sich in der kommenden Woche 30 Minuten Zeit für ihr wichtigstes Problem zu nehmen.
Abschluss: Gemeinsam Haltung zeigen!
Gemeinsam Schutz- und Krafträume gestalten: Das digitale Arbeitsforum zeigte vielfältige Möglichkeiten auf, wie Freiwilligenagenturen vor Ort für ein geschütztes Engagement eintreten können. Und wie sie trotz polarisierter Debatten für Demokratie und Vielfalt einstehen können. Netzwerkarbeit, Organisationsprozesse und Austausch im Team sind hierfür wichtige Elemente.
Und was war die wichtigste Erkenntnis, die sie aus dem Arbeitsforum mitnehmen? Das und vieles mehr schrieben die Teilnehmenden zum Abschluss in den Chat:
„Ich finde den Impuls „Kraft-“ statt „Schutzkonzept“ toll!“
„Wir müssen als Einrichtung an ein Schutzkonzept ran: Ich möchte in der Arbeit mit den Vereinen mein Wissen zu diesem Thema anbieten“
„Schön, dass sich so viele mit diesem Thema beschäftigen! Das stärkt uns wechselseitig“
„Dass der Austausch zum vorhandenen Wissen und Erfahrungen wieder einmal der ressourcenreiche Weg ist, um sich nicht so allein und ohnmächtig zu fühlen und in die Handlungsfähigkeit zu kommen.“
„Kleine Umsetzungsschritte für Schutzkonzepte jetzt starten, nicht warten, lieber klein anfangen.“