Digitaler Thementag „Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Engagement: Vom Projekt zur Strategie“

Dokumentation zum digitalen Thementag am 10. September 2026 in Kooperation mit UPJ

Klimaschutz und Nachhaltigkeit betreffen die gesamte Gesellschaft: Die Folgen des Klimawandels werden in unserem Alltag immer spürbarer. Anhand von Impulsen, Praxisbeispielen und Gesprächen beleuchten wir nicht nur einzelne Projekte und Aktionen, sondern fragen, wie Freiwilligenagenturen – trotz knapper Kassen und anderer drängender Themen – eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln können. 

Foto: Markus Spiske via unsplash.com

Vier Jahre Nachhaltigkeitsschwerpunkt bei der bagfa haben gezeigt: Nachhaltigkeit ist ein Querschnittsthema und in der Förderung von Engagement liegt ein wirksames Mittel, um nachhaltiges und klimafreundliches Handeln zu stärken. Umfangreiche Hintergründe und Materialien dazu finden sich gebündelt in unserer Themenwelt Nachhaltigkeit. Doch wie lassen sich Nachhaltigkeit und Klimaschutz langfristig in der eigenen Organisation verankern? Wie wird aus einem einzelnen Projekt eine Strategie? Wie kann klimafreundliches Handeln in der Praxis aussehen? Und wie können Netzwerkarbeit, Kooperationen und Leitlinien hier weiterhelfen? 

Diese und weitere Fragen haben rund 55 Kolleg:innen auf dem digitalen Thementag „Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Engagementförderung: Vom Projekt zur Strategie“ am 10. September 2026 mit der bagfa und UPJ diskutiert. Der Fokus lag auf Praxisbeispielen, der Zusammenarbeit von Freiwilligenagenturen, Unternehmen und Bürgerstiftungen sowie der Frage, wie aus Leitlinien eine Strategie für die eigene Organisation wird. 

Einblicke in das „International Volunteer Year“ 2026

Den inhaltlichen Einstieg in das Thema machte Jannik Sohn von der bagfa mit Einblicken in das „International Volunteer Year“, kurz IVY. Dieses steht 2026 unter dem Motto „Everyone has a role to play” und stellt die Agenda 2030 und die 17 Nachhaltigkeitsziele in den Fokus. Beschlossen 2023 von der UN-Vollversammlung, ist es mittlerweile das dritte IVY nach 2001 und 2011. Als Treiber zur Erreichung der Ziele wurde das freiwillige Engagement als lokale und community-orientierte Kraft identifiziert. Auch die Verknüpfung von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit und Engagement passt zur Praxis der Freiwilligenagenturen. Ein Blick auf die Karte der weltweiten Aktionen zeigt jedoch, dass die Aktion innerhalb der deutschen Engagementlandschaft noch kaum Resonanz erfahren hat. Interessierte können sich hier über die verschiedenen Aktionsformen informieren. 

„Neue Allianzen für Nachhaltigkeit vor Ort“: Ein Impuls von Simon Probst (UPJ) zur gelingenden Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Kommunen und Zivilgesellschaft  

Klima– und Umweltschutz sind eines der zentralen Themen bei UPJ, dem Netzwerk für Unternehmensverantwortung und gesellschaftliches Engagement. Dass das ein Themenbereich ist, der nicht nur spalten, sondern auch verbinden kann, das unterstreicht Simon Probst gleich zu Anfang mit konkreten Zahlen: So machen sich 83 Prozent Sorgen, dass Naturkatastrophen infolge des Klimawandels zunehmen werden und 71 Prozent sind der Meinung, dass die Politik noch viel mehr zur Bekämpfung des Klimawandels tun müsste.

Viel Sorge birgt auch viel Potenzial: Für neue Allianzen für den Klima- und Umweltschutz. Damit echte Verbindungen zwischen Nonprofit-Organisationen wie Freiwilligenagenturen, Kommunen und Unternehmen entstehen, braucht es laut UPJ folgende Faktoren: Menschen, die die Verbindungen schaffen und Anlässe, um konkret und praktisch zu werden.

Simon Probst

 Als Anlass eignen sich laut Probst v.a. Impulsformate, die Kooperationen zwischen Unternehmen und Gemeinwohlorganisationen anregen und gleichzeitig einen Beitrag für die lokale Engagementkultur liefern. Als Beispiel nennt er Klima-Marktplätze, lokale Aktionstage für Klima- und Umweltschutz und die Nachhaltigkeitsnachtschicht, in der Freiwillige aus der Kreativbranche mit ihrem Können Vereine beim Klimaschutz unterstützen. Diese Formate sind unkompliziert und niedrigschwellig für Teilnehmende, weil keine langfristigen Verpflichtungen eingegangen werden müssen, aber können. Die Akteure aus den verschiedenen Sektoren begegnen sich hier auf Augenhöhe. Es geht nicht nur um Spenden und Sponsoring, sondern es rücken auch andere Möglichkeiten – wie die Bereitstellung von Räumen, Infrastruktur, von Sachspenden, Pro-bono-Leistungen durch Mitarbeitende oder neue Themen, an denen gemeinsam weitergedacht werden kann – in den Fokus.

Ein weiteres spannendes Format ist das Barcamp, bei dem es anders als bei klassischen Veranstaltungen keine festen Vorträge oder ein vorgegebenes Programm gibt – die Teilnehmenden gestalten die Inhalte selbst und bringen ihre eigenen Ideen, Fragen und Erfahrungen ein. Beim UPJ-Barcamp Jugend, Klima, Wirtschaft kommen dabei junge Menschen, Unternehmen, Initiativen und Verwaltung zusammen, um sich auf Augenhöhe auszutauschen und gemeinsam Lösungsansätze für die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Weitere Infos zu lokalen Kooperationsprojekten für Klima- und Umweltschutz finden sich in der Handreichung von UPJ „Gemeinsam engagiert fürs Klima“

Die Präsentation zum Vortrag von Simon Probst ist hier als Download zu finden.

Praxissessions zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Engagement

In zwei verschiedenen Sessions von je 30 Minuten haben Expert:innen (unter anderem aus Freiwilligenagenturen und engagementfördernden Einrichtungen) praktisches Erfahrungswissen und Erkenntnisse aus Projekten zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz mit den Teilnehmenden geteilt.

  1. Einblicke aus dem „KlimaLAB“ als Programmbaustein von „Engagiert für Klimaschutz“ | Dominik Schlotter, Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement
  2. „Gemeinsam gut fürs Klima“ – Bürgerstiftungen und Klimaschutz | Ulrike Reichart, Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschland
  3. Engagement-Plattform „Engagiert fürs Klima“ | Nicole Krosch, Freiwilligen-Agentur Halle e.V. 
  4. Praxisformat „Marktplatz gute Geschäfte für Klima & Umwelt“ im Fokus | Carmen Mureşan, Freiwillig in Kassel! Freiwilligenzentrum für die Region Kassel
  5. SauberZauber und Gießkannenheld:innen als (Kurzzeit-) Engagementmöglichkeiten | Hendrik Rathmann, Ehrenamt Agentur Essen
  6. Ökologische Mindeststandards für die Soziokultur | Franziska Mohaupt, Beraterin für Nachhaltigkeit und Organisationsentwicklung

Gespräch: „Vom Projekt zur Strategie: Wie kann Klimaschutz und Nachhaltigkeit langfristig in Organisationen umgesetzt werden?“ 

Tobias Kemnitzer machte gleich zu Beginn deutlich, dass es wichtig sei dranzubleiben, da der Druck zunehme und die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit bleiben werden. Jannik Sohn erläuterte, welchen Weg die bagfa hier in den letzten Jahren mit der Entwicklung der Leitlinien gegangen ist. Die Leit- und Orientierungslinien „Kooperativ, kreativ und engagiert für das Klima“, die zwölf Freiwilligenagenturen 2024 gemeinsam mit dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement und der bagfa in Augsburg verabschiedeten, betrachten Klimaschutz nicht als ein Baustein, sondern als durchdringendes Schwerpunktthema. Die Leitlinien wurden mit Beteiligung von Freiwilligenagenturen weiterentwickelt und auch, wenn das Thema bei den meisten Agenturen keine Priorität habe, zeige die Resonanz dennoch, dass es zunehmend mitgedacht werde. 

Dominik Schlotter

Dominik Schlotter vom BBE war ebenfalls in Augsburg dabei und hat außerdem verschiedene Organisationsformen in Klimaschutzfragen begleitet. Die Freiwilligenagenturen sind für ihn von zentraler Bedeutung, weil sie lokale Anlaufstellen seien, mit der Anbindung an Verwaltung, Verbände, Unternehmen und natürlich an Menschen. Darüber hinaus sieht er den Vorteil, dass sie nicht per se einen Klimaschwerpunkt haben, sondern ihre Kernkompetenz der Vermittlung in den Diskurs für mehr Klimaschutz einbringen können. Es gehe also weniger um die Expertise zum Klimaschutz als vielmehr um die Verknüpfung des Eigenen mit dem Klimaschutz. Das passe auch gut zum KlimaLAB, bei dem es gezielt um Organisationen außerhalb des Klimaschutzes geht. Auch hier sei das Motto „Vom Projekt zum Prinzip“, da es schon eine gute und breite Projektlandschaft gebe, aber keine breite systematische Implementierung. 

Das KlimaLAB starte deshalb am 1. Oktober 2026 die nächste Bewerbungsphase: Zivilgesellschaftliche Organisationen können eine jährliche Förderung von bis zu 20.000 Euro beantragen. Die nächste Ausschreibung werde dann im Frühjahr 2027 folgen. Es sollen keine neuen Projekte, sondern interne Prozesse zum Klimaschutz, die es schon gibt, eingereicht werden. 

Sulamith Fenkl-Ebert von der Freiwilligen-Agentur Halle e.V. erläuterte, wie sie als Freiwilligenagentur ihr Nachhaltigkeits- und Klimaleitbild vor über zehn Jahren entwickelt und seitdem umgesetzt haben: Im Rahmen der Überarbeitung ihres Leitbilds hätten sie 2013/14 den Punkt Nachhaltigkeit aufgenommen und sich dann in der Auseinandersetzung mit den 17 Nachhaltigkeitszielen den Klimaschutz ausgesucht und überlegt, was das für die Freiwilligenagentur, d.h. für ihren ökologischen Fußabdruck, konkret heißen könne. So hätten sie über zehn Jahre in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit dem ganzen Team eine Strategie entwickelt und sich peu a peu immer neue Felder wie Strom, Essen, Papier, Transport vorgenommen. Vor zwei Jahren mündete der Prozess in einer Selbstverpflichtung aller Mitarbeitenden.

Sulamith Fenkl-Ebert
Baumpflanzaktion | Foto: Falk Wenzel
Klimamarktplatz | Foto: Anna Kolata

Zudem haben sie in Zusammenarbeit mit der Stadt und der Bürgerstiftung Halle die Klimaplattform ins Leben gerufen, die an die lokale Engagementplattform und auch die der Aktion Mensch angebunden ist. Aber auch auf der Projekt- und der Netzwerkebene passiert viel in Halle: Zum 25. Jubiläum der Freiwilligen-Agentur haben sie mit Freiwilligen einen 2.600 qm großen Mikrowald gepflanzt und 2025 einen Klimamarktplatz veranstaltet. Der Beratungsladen und der WELCOME-Treff wurden als Refillstationen zum kostenlosen Trinkwasser-Auffüllen eingerichtet.

Franziska Mohaupt | Foto: Nikolai Alber

Franziska Mohaupt  hat mit dem Bundesverband Soziokultur ökologische Standards für Kultureinrichtungen entwickelt. Ihr Eindruck ist, dass die Einrichtungen, die sich die Zeit genommen haben, sich mit den Standards auseinanderzusetzen, diese gut und als Leitfaden hilfreich fanden. Derzeit stünden aber viele soziokulturelle Zentren mit dem Rücken zur Wand und hätten schlicht nicht die Kraft, Klimaschutzaktivitäten in ihren Einrichtungen anzustoßen. Die Erfahrung zeige, dass es häufig schwierig sei, den Anfang zu finden, da Nachhaltigkeit als zusätzliches Thema und damit zunächst als zusätzliche Arbeit wahrgenommen werde. Das sei es aber nicht, vielmehr gehe es darum, Nachhaltigkeit in den Alltagsentscheidungen systematisch zu berücksichtigen. Mohaupt empfiehlt, das Thema in kleine, machbare Schritte zu unterteilen. Die ökologischen Standards bieten sich hierfür an, weil sie nach Handlungsfeldern strukturiert sind und Maßnahmen in unterschiedliche Anforderungsstufen unterteilen.   

André Koch Engelmann von UPJ machte zum Abschluss des Gesprächs deutlich, dass es starke und resiliente Netzwerke brauche, um nachhaltig und klimagerecht agieren zu können. Um Unternehmen für dieses herausfordernde Thema zu gewinnen, brauche es erstens den Faktor Zeit: Gelingende Netzwerkarbeit braucht Vertrauen und Beziehungsarbeit und das wiederum brauche Zeit. Zweitens empfehle er Freiwilligenagenturen, das Konzept der „Koordinierten Herumtreiberei“. Das bedeute konkret: rausgehen und schauen, wo sind die Unternehmen und Stadtfeste, die Veranstaltungen von Kammern, Innungen etc.? Dort sollte man mit den Menschen ins Gespräch kommen, mit einem echten Interesse an den Personen. Das zweite Konzept nannte er „Salonaktivismus“. Das meint einen niedrigschwelligen, nicht formellen Zugang, der v.a. die Gestaltung des Raumes vor der Anbahnung einer Kooperation im Fokus hat. Als Beispiele nannte er die MS Zuversicht aus Halle. Wer sich weiter über niedrigschwellige und wirkmächtige Anbahnung von resilienten Netzwerken informieren möchte, dem empfehlen wir diese neue Publikation von UPJ und bagfa.

André Koch-Engelmann | Foto: UPJ e.V.

Abschluss und Ausblick: Wie können wir am Thema bleiben und ihm die Schwere nehmen, trotz der tatsächlichen Bedrohung? 

Für André Koch-Engelmann ist das Thema Zuversicht zentral und damit auch Engagement, denn das stifte bekanntermaßen Zuversicht. Sulamith Fenkl-Ebert ergänzt, dass jede Form des Engagements auch auf die engagierte Person wirke: Wir fühlen uns gut, wenn wir handeln, etwas Gutes tun oder an sozialen Events, wie etwa dem Stadtradeln, teilnehmen. Dominik Schlotter stimmt dem zu und betont, dass das Thema Klimaschutz über Engagement aus dem Abstrakten rauskomme, durch unser Engagement fühlten wir uns nicht nur erschlagen, sondern schaffen etwas, das positiv erlebbar und sichtbar sei. Eine gemeinsame Aktion schaffe ein gutes Gefühl. Franziska Mohaupt geht auf die Frage ein, was wir tun können, wenn uns die finanziellen Mittel fehlen: Vieles koste kein oder wenig Geld. 

Für Organisationen ohne jegliche Planungssicherheit bleibt es aber herausfordernd. Dennoch sollten die kleinen Schritte nicht in ihrer Wirkung unterschätzt werden, denn sie können Ängste nehmen und halten das Thema sichtbar für andere. Schließlich sei es wichtig, die eigenen Ängste zu teilen und miteinander zu sprechen. Manchmal, aber natürlich nicht immer, sei fehlendes Geld auch eine Ausrede, warf Koch-Engelmann ein und plädierte dafür, erst einmal anzufangen, dazu brauche es nicht immer erst einen Förderantrag und sich vor allem auch auf alle möglichen Netzwerke einzulassen – Stichwort „koordinierte Herumtreiberei“. Schlotter bekräftigte dies und betonte auch den Wert des Netzwerkens, auch hier könne und sollte immer das Thema Klima gesetzt und nicht nur an die Projektakquise gedacht werden.  Wir müssten uns so oder so mit Nachhaltigkeit befassen und die Fragen der sozial-ökologischen Transformation angehen, dann könnten wir auch gleich anfangen, uns zu öffnen und loszugehen, gibt Mohaupt als Impuls und Fenkl-Ebert ergänzt, dass es sinnvoll sei, Klimaschutz als Querschnittsthema zu begreifen und in allen Projekten mitzudenken, sich dabei aber nicht zu übernehmen, kleine Schritte zu machen und kleine Akzente zu setzen wie Gießpatenschaften vor den eigenen Räumlichkeiten oder die Bepflanzung von Baumscheiben. 

Koch-Engelmann brachte es abschließend auf zwei Formeln: Erstens, nichts allein machen, sondern immer in Kooperationen denken und zweitens, klein anfangen, aber anfangen.