Zivilgesellschaft kann Alltagsorte nutzen, um Austausch und demokratische Kultur zu fördern. Einsichten aus dem Digitaltalk vom 26. Januar 2026
Engagement schafft Begegnung und Begegnung fördert Demokratie: So lautet eine häufig genannte Strategie, um gegen gesellschaftliche Spaltung vorzugehen. Und auch die Freiwilligenagenturen bekräftigen in den „Kasseler Positionen“ im Jahr 2023:
„Durch die Förderung von freiwilligem Engagement tragen die Freiwilligenagenturen zu einer Gesellschaft des Zusammenhalts und des Miteinanders bei. […] Sie stärken Demokratie vor Ort, indem sie Austausch, Begegnung und Mitgestaltung ermöglichen.“

Doch was zeichnet Begegnung eigentlich aus? Und wie genau stärkt sie unsere Demokratie? Und wie kann man Orte schaffen, wo genau diese Begegnung stattfindet? Diese und weitere Fragen diskutierten wir am 26. Januar mit dem Soziologen und Autoren Dr. Rainald Manthe. Er veröffentlichte 2024 das Buch „Demokratie fehlt Begegnung“. In den ersten „55 Minuten“ des Jahres verdeutlichte er vor über 60 Teilnehmenden: Begegnungen, auch als kurze Kontakte in alltäglichen Situationen, sind ein wichtiger Faktor für unsere Demokratie. Alltagsorte spielen dafür eine entscheidende Rolle. Umso wichtiger, dass sie auch von der Zivilgesellschaft aktiv aufgesucht und gegebenenfalls selbst gestaltet werden.
Der Digitaltalk ist hier zum Nachhören auf unserem YouTube-Kanal verfügbar.
Hier fünf Einsichten aus dem Digitaltalk mit Dr. Rainald Manthe:
1. Analoge Begegnungen „face to face“ sind wichtig für unsere Demokratie, selbst wenn sie nur flüchtig sind
Besonders die Corona-Pandemie habe die gesellschaftliche Relevanz von Begegnung deutlich werden lassen, so Rainald Manthe. Denn hier fand das analoge Leben in der Öffentlichkeit für viele Menschen praktisch nicht mehr statt. Vielen sei dadurch bewusst geworden: Sich gegenseitig in einem geteilten Raum wahrzunehmen schafft auch Vertrauen zwischen Menschen. Besonders im digitalen Raum fehle es an zurechenbarer nonverbaler Kommunikation. Diese finde aber selbst in flüchtigen Alltagsbegegnungen statt, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkaufen. Nonverbale Kommunikation unterstütze die Vertrauensbildung zwischen Menschen.
Diese und weitere Momente der Begegnung sind laut Manthe wertvoll für die Demokratie: Man nehme andere Menschen wahr, ihre Unterschiede und Andersheiten. Hier kämen Irritationen vor, die wichtige Lerneffekte im alltäglichen Umgang darstellten. Begegnungen in Präsenz beinhalten demnach das Potenzial, als ein wichtiges Korrektiv für festgefahrene Ansichten und digitaler Kommunikation zu wirken.
2. Wir leben zunehmend in einer heterogenen und individualisierten Gesellschaft – mit Gefahren für unser demokratisches Zusammenleben
Eine Prämisse des Soziologen lautet: Menschen in unserer Gesellschaft haben weniger Kontakt mit anderen sozialen Gruppen und Milieus. Das liege an dem Abbau von sozialer Infrastruktur wie Schwimmbädern oder Bibliotheken, aber auch an einer stärkeren wohnlichen Segregation.
Auch die zunehmende Individualisierung unserer Gesellschaft habe einen Anteil an der Fragmentierung unserer Gesellschaft. Nicht zuletzt verstärkten digitale Medien diese Dynamik: Hier finde man eher Bestätigung für die eigene Weltwahrnehmung anstatt Erfahrungsräume unserer vielfältigen Gesellschaft. Soziale Durchmischung und Austausch mit anderen sozialen Gruppen nehmen so ab – auch weil Menschen sich durch Krisen und Überforderungen auf das direkte Umfeld zurückzögen.
Diese gesellschaftliche Entwicklung bringe auch Gefahren für unsere Demokratie mit sich. Wenn Perspektiven und Erfahrungen von anderen Menschen fehlen und Gruppen unter sich bleiben, handelten diese egoistischer und eigensinniger.
3. „Sowieso-Orte“ eignen sich ideal für Begegnung und Austausch unterschiedlicher Menschen – und können aktiv von der Zivilgesellschaft genutzt werden
Gerade wenn der Kontakt zwischen gesellschaftlichen Gruppen fehle, seien Begegnungsorte entscheidend, so Manthe. Als Beispiel nennt er Bildungseinrichtungen: In der Schule kämen verschiedene Kinder und Jugendliche zusammen – und lernen hier die Diversität der Gesellschaft kennen. Aber auch Räume für gemeinsame Tätigkeiten seien förderlich: Hier zähle erstmal das Interesse, Austausch und Begegnung stellten dann positive Nebeneffekte dar.
Eine weitere Kategorie, die Rainald Manthe nennt: die sogenannten „Sowieso-Orte“, die Menschen häufig aufsuchen, etwa Supermärkte. Diese Räume zeichneten sich dadurch aus, dass unterschiedliche soziale Gruppen aufeinandertreffen. Die Zivilgesellschaft und die Engagementförderer:innen könnten diese Räume für sich nutzen: indem sie Präsenz zeigen, ihre Angebote in Ausschnitten näherbringen oder verschiedene Zielgruppen aktiv ansprechen. Kleine, interessante Formate, die Neugierde schaffen, sind laut dem Soziologen besonders wichtig.
4. Räume und Alltagsorte sollten mehrfach genutzt werden – um Zielgruppen zu erreichen, Gruppen zusammenzubringen und Austausch zu fördern
Häufig würden Orte für eine Funktion genutzt. Wie Manthe im Digitaltalk darstellt, sei dies aber ein verschenktes Potenzial: Besonders da es in der Zivilgesellschaft an Mitteln für Räume fehlt, plädiert er für die Mehrfachnutzung von Orten. Leerstehende Kaufhäuser könnten etwa verschiedene Funktionen übernehmen: Konsum, Ausstellungsfläche, Veranstaltungsraum oder Ort für freiwilliges Engagement.
Dies habe auch den Effekt, dass zivilgesellschaftliche Gruppen oder soziale Milieus zusammenkommen, gemeinsam einen Ort gestalten und planen und sich austauschen. Wichtig hierfür, wie Manthe betont, sei eine Begleitung durch eine:n Gastgeber:in. In offenen Orten sei es gut, offen und herzlich Menschen zu begrüßen und im zweiten Schritt – wenn gewollt – Angebote zu machen.
5. Es ist wichtig, Menschen zuzuhören und Fragen zu stellen – denn viele möchten das Zusammenleben aktiv gestalten
Zum Abschluss des Digitaltalks teilte der Buchautor noch einige Empfehlungen, um Begegnung zu schaffen. Es sei wichtig, Menschen aktiv aufzusuchen, ihnen zuzuhören und Fragen zu stellen. Wichtig sei hier eine wohlwollende Perspektive auf verschiedene Menschen. In unserer Gesellschaft werde viel übereinander gesprochen, aber zu wenig miteinander. Hier sollte man die eigene Sprache und Grundannahmen überdenken und reflektieren.
Für Manthe wird immer wieder deutlich: Viele Menschen setzen sich bereits für die Demokratie ein. Zwar nicht zwangsläufig mit einer abstrakten Idee unserer Gesellschaft, sondern weil sie das Zusammenleben vor Ort gestalten möchten. Dies zeigt, dass viele Menschen das Ziel eines friedlichen und demokratischen Miteinanders teilen – trotz und wegen aktueller Tendenzen gesellschaftlicher Spaltung und Unsicherheit.
Zur Person:
Dr. Rainald Manthe arbeitet als Soziologe und Autor u.a. über Entwicklungen und Herausforderungen der Demokratie. Die Bedeutung von Begegnung thematisierte er schon vor der Pandemie. Eines seiner Anliegen ist, an grundsätzlichen Fragen mitzudenken. So baute er im Berliner Think-Tank Zentrum Liberale Moderne den Programmbereich „Liberale Demokratie“ auf und leitete diesen bis 2023. Schon lange für die Stiftung Bildung aktiv, ist er seit 2024 im Vorstand der Organisation.
