Geschlechtergerechtigkeit in der Zivilgesellschaft: 55 Minuten mit Dr. Siri Hummel

Wie sieht es aus mit der Geschlechtergerechtigkeit in der Zivilgesellschaft? Welche Akteure wirken in diesem Feld und ist es nicht eigentlich ein Querschnittsthema? – Einsichten aus dem Digitaltalk am 28. September 2026

Die Frauen*rechtsbewegung ist ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie zivilgesellschaftliches Engagement die Gesellschaft zum Besseren verändern kann. Obwohl die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland gesetzlich verankert ist, ist sie noch lange nicht in allen gesellschaftlichen Bereichen Realität.

Foto: Jens Maes via unsplash.com

Doch wie genau steht es eigentlich um die (organisierte) Zivilgesellschaft im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit? Die Direktorin des Maecenata Instituts Dr. Siri Hummel, geht dieser Frage gemeinsam mit FAIR SHARE of Women Leaders e.V., filia.die frauenstiftung und Karin Heisecke (Änderwerk) im Forschungsprojekt „Nachgezählt: Die Finanzierung feministischer und gleichstellungsorientierter Zivilgesellschaft“ nach.

In unserem Format „55 Minuten mit…“ sprachen wir mit ihr über erste Ergebnisse der Studie, die Situation feministisch engagierter Zivilgesellschaft und gesellschaftliche Diskussionen rund um Gleichstellung.

Die Erkenntnisse aus dem Gespräch haben wir hier zusammengefasst:

1. Es gibt wenig belastbare Zahlen zu Engagement im Bereich Gleichstellung

In der ersten Veröffentlichung des Forschungsprojektes geht es um die Erfassung und das Mapping relevanter Akteure und ihrer finanziellen Situation. Dabei kommen neben der organisierten Zivilgesellschaft auch informelle Gruppen und Initiativen in den Blick. Da in Deutschland bisher keine Information zur Finanzierung informeller Initiativen aus dem Bereich vorliegen, wurden diese mithilfe eines Online-Fragebogens zu ihrer finanziellen Situation befragt – allerdings mit geringem Rücklauf.

Eine weitere Herausforderung, der sich die Forscher*innen gegenübersahen: Die Zivilgesellschaftsforschung wie beispielsweise im Freiwilligensurvey orientiert sich größtenteils an älteren internationalen Erhebungsstandards, die feministische und gleichstellungsorientierte Themen nicht separat ausweisen. Entsprechend ist die Datenlage in Deutschland lückenhaft. Da der Begriff „Feminismus“ außerdem sowohl als Selbst- als auch als Fremdzuschreibung politisch aufgeladen ist, waren alle Organisationen von Interesse, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen.

2. Weniger als 1% der zivilgesellschaftlichen Organisationen sind ausschließlich im Bereich Gleichstellung tätig

Wo entsprechende Angaben erhoben werden, liegt der Anteil der Organisationen, die sich etwa für Frauen*rechte oder die Gleichstellung von Frauen* und Mädchen* in Deutschland einsetzen, bei weniger als einem Prozent. Die Bandbreite der Organisationen reicht dabei vom Müttergenesungswerk oder dem Deutschen Frauenrat zu Frauen*häusern und migrantischen Mädchen*sportvereinen. In einer für die Studie veranlassten Sonderauswertung des ZiviZ-Survey etwa geben 0,7 Prozent der erfassten Organisationen Frauen* und Mädchen* als ihre alleinige Zielgruppe an, im Zuwendungsempfängerregister liegt der Anteil der Organisationen mit dem Satzungszweck Gleichstellung der Geschlechter bei 0,6 Prozent. Hier wird sichtbar, dass zumindest in der organisierten Zivilgesellschaft Organisationen mit feministischem Schwerpunkt marginal positioniert sind.

3. Gender-Gap im Engagement wird größer: Wir müssen Zugangshürden spezifisch für Frauen* im Engagement abschaffen

Mit Blick auf das Engagement betonte Dr. Siri Hummel im Gespräch, dass der Anteil an engagierten Frauen* vor allem in der sogenannten „Rushhour des Lebens“, also im Alter zwischen 30 und 49, im letzten Freiwilligensurvey im Vergleich mit 2019 zurückgegangen ist. Hier formulierte sie Handlungsempfehlungen für Freiwilligenagenturen: Wer Frauen* für Engagement gewinnen und halten möchte, muss die Bedingungen, unter denen Engagement stattfindet, in den Blick nehmen. Care-Verpflichtungen und ungleich verteilte Zeitressourcen schaffen konkrete Zugangshürden. Organisationen können hier ansetzen und Engagement flexibler gestalten: Warum muss die Mitgliederversammlung während der Einschlafbegleitung stattfinden? Warum nicht unterschiedliche Formen und Zeitumfänge des Engagements ermöglichen oder Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen – etwa durch eine Doppelspitze?

Nicht alle strukturellen Hürden lassen sich jedoch kurzfristig beseitigen. Deshalb braucht es auch Angebote, die insbesondere belastete Frauen beim Engagement unterstützen, etwa durch Nachbarschaftshilfe oder ehrenamtliche Kinderbetreuung. Entscheidend ist, solche Möglichkeiten auch sichtbar und niedrigschwellig zu kommunizieren. Daneben bleiben klassische Instrumente der Gleichstellungsarbeit relevant: Quoten können Repräsentation verbessern, Empowerment-Prozesse Frauen* in ihrer Selbstorganisation stärken und Gleichstellungsbeauftragte Veränderungsprozesse begleiten. Eine intersektionale Perspektive hilft dabei, unterschiedliche Lebensrealitäten und zusätzliche Zugangshürden mitzudenken.

Damit solche Veränderungen nicht bei einzelnen Organisationen bleiben, braucht es zudem Vernetzung innerhalb der Zivilgesellschaft. Netzwerke können Erfahrungen bündeln, Wissen teilen und Gleichstellung stärker auf die Agenda der organisierten Zivilgesellschaft setzen. Genau das war auch eine Motivation für die Studie, macht Dr. Siri Hummel deutlich: Sichtbarkeit für diesen bislang wenig beachteten Teil des Engagements zu schaffen und damit eine Grundlage für Veränderung zu legen.

4. Gleichstellung ist ein Querschnittsthema in der Zivilgesellschaft

Im Gespräch wird deutlich, dass Geschlechtergerechtigkeit kein Nischenthema ist, sondern ein Querschnittsthema, das mehr als die Hälfte der Bevölkerung betrifft – und damit auch die gesamte Zivilgesellschaft. Auch innerhalb der organisierten Zivilgesellschaft ist der Weg zur Geschlechtergerechtigkeit noch nicht abgeschlossen.

Zwar sind rund 75 Prozent der Beschäftigten Frauen*, bei den Führungskräften ist ihr Anteil jedoch deutlich geringer. Gleichzeitig zeigen sich auch beim Engagement selbst weiterhin deutlich geschlechtsspezifische Muster: Während sich im Katastrophenschutz oder im Sport überdurchschnittlich viele Männer engagieren, sind Frauen* häufiger im kirchlichen oder schulischen Bereich aktiv. Gleichstellung bedeutet deshalb nicht nur, Frauen* in bestimmten Engagementfeldern gezielt zu fördern. Es geht ebenso darum, Strukturen, Zugänge, Rollenbilder und Entscheidungsmöglichkeiten in der gesamten Zivilgesellschaft in den Blick zu nehmen. Geschlechtergerechtigkeit sollte damit als Querschnittsaufgabe verstanden werden – in Organisationen, in Führungsstrukturen und in allen Bereichen des Engagements. Ansätze dazu finden sich auch in der Studie „Da ist Diverses möglich – Wege der Umsetzung von Diversität und Inklusivität in zivilgesellschaftlichen Organisationen“ der Maecenata Stiftung, zu der es ebenfalls einen Digitaltalk bei der bagfa gab.

5. Förderung von Gleichstellung ist Teil der Demokratieförderung

Dr. Siri Hummel weist darauf hin, dass Gleichstellung zu fördern auch bedeutet, Demokratie zu fördern. Das wird besonders deutlich, wenn wir den Blick auf die aktuellen Entwicklungen des zivilgesellschaftlichen Handlungsraums richten. Weltweit werden die Freiheiten von Zivilgesellschaft zunehmend eingeschränkt: Der CIVICUS Monitor kommt 2025 zu dem Ergebnis, dass die zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume auch in Europa kleiner geworden sind.

Diese Entwicklung betrifft laut Dr. Siri Hummel nicht alle Themen gleichermaßen. Besonders häufig geraten Organisationen und Bewegungen unter Druck, die sich für Menschenrechte, Migration, LGBTQIA+-Rechte, Geschlechtergerechtigkeit oder Klima- und Umweltschutz einsetzen. Es entsteht eine Art „unheilige Allianz“ der Themen, die in Debatten und Angriffen immer wieder gemeinsam auftauchen. Auch Gleichstellung ist damit Teil einer größeren Auseinandersetzung darüber, wie offen, vielfältig und solidarisch eine Gesellschaft sein will. Die Angriffe finden dabei längst nicht mehr nur auf politischer oder institutioneller Ebene statt, sondern auch im digitalen Raum.

Deshalb plädiert sie dafür, dass Demokratieförderung auch ein verändertes Spendenbewusstsein braucht. Wer Gleichstellung, Menschenrechte und eine vielfältige Zivilgesellschaft für zentrale Bestandteile einer demokratischen Gesellschaft hält, kann deren Arbeit nicht allein dem Staat oder wenigen Förderstiftungen überlassen. Zivilgesellschaftliche Solidarität bedeutet auch, gemeinsam Verantwortung für die Räume zu übernehmen, in denen Demokratie jeden Tag praktisch gelebt und verteidigt wird.

Zur Person:

Die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Siri Hummel ist Direktorin des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Demokratie und Zivilgesellschaft sowie Gleichstellung in der Zivilgesellschaft und Stiftungsforschung. Im Rahmen des Forschungsprojektes „Nachgezählt: Die Finanzierung feministischer und gleichstellungsorientierter Zivilgesellschaft“ veröffentlichte sie mit weiteren Autorinnen kürzlich den ersten Teil der Studie mit dem Titel „Mapping und Einblicke in die Akteurslandschaft“.

Foto: Lisa Klisch