Zivilgesellschaftliches Engagement und Herausforderungen der Daseinsvorsorge: 55 Minuten mit… Prof. Dr. Andrea Walter

Gesellschaftlicher Wandel prägt Zivilgesellschaft: Das bringt viele Diskussionen zur Zukunft des Engagements mit sich. Einsichten aus dem Digitaltalk am 4. Mai 2026.

Aktuelle Debatten zeigen: Die Zivilgesellschaft steht stark im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Da sind auf der einen Seite Diskussionen rund um Neutralität, staatlicher Förderung und fehlende Ressourcen. Auf der anderen Seite werden aber auch starke Hoffnung mit Engagement und Zivilgesellschaft verbunden. Ihr Handeln, ihre Angebote und ihr Wirken sollen Zusammenhalt stärken, Demokratie fördern und multiple Krisen lösen. Doch wie blickt die Wissenschaft eigentlich auf zivilgesellschaftliches Engagement? Und welche Herausforderungen und Entwicklungen beobachten Forscher:innen derzeit?

Foto: Maria Thalassinou via unsplash.com

Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Andrea Walter forscht und lehrt an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW zu Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement, besonders im Kontext lokaler Daseinsvorsorge und kommunaler Engagementförderung. Eine ideale Gesprächspartnerin also, um über die Rolle von Zivilgesellschaft im Wandel und zu sprechen. Beim Digitaltalk aus der Reihe „55 Minuten“ am 4. Mai mit rund siebzig anwesenden Kolleg:innen zog sich ein Plädoyer von Andrea Wallter durch das Gespräch: Auch die Zivilgesellschaft ist gefragt, sich unter neuen gesellschaftlichen Rahmenbindungen zu verändern. Dies sei wichtig, um ihre Rolle in der Gesellschaft zu bewahren.

Der Digitaltalk ist hier zum Nachhören auf unserem YouTube-Kanal verfügbar.

Das ist nur eine Erkenntnis aus dem Digitaltalk – weitere skizzieren wir in dieser Kurzdokumentation:

1. Der Begriff „zivilgesellschaftliches Engagement“ ist nicht selbstverständlich

In den letzten Monaten ist die Zivilgesellschaft Thema einer breiten politischen Auseinandersetzung geworden, etwa durch parlamentarische Anfragen. Ausgehend von dieser Beobachtung, stellt Andrea Walter heraus, wie unterschiedlich Zivilgesellschaft verstanden wird – je nach Kontext und Perspektive.

So stand der Begriff der „Zivilgesellschaft“ seit den 1980er Jahren für einen gesellschaftlichen Aufbruch und eine staatskritische Haltung. Diese grenzte sich oftmals vom Begriff des „Ehrenamts“, mit seinem Beigeschmack einer Indienstnahme für staatliche oder repräsentative Zwecke ab. Der Begriff des „bürgerschaftlichen Engagements“ wurde dann Ende der 90er Jahre von der Enquete-Kommission des Bundestags genutzt, um die eigenständige – eben bürgerschaftliche – Verantwortungsübernahme zu betonen. Er prägt seitdem die politische und wissenschaftliche Diskussion in Deutschland.

Der Begriff „zivilgesellschaftliches Engagement“ biete für Andrea Walter die Möglichkeit, Perspektiven zu weiten. Mit ihm ließen sich blinde Flecken betrachten und somit neue Fragen diskutieren: Wie verhält es sich mit exkludierendem oder gar anti-demokratischem Engagement? Welche Rolle spielen Schwellen auf dem Weg ins Engagement? Und wie können wir Engagement vielfältiger gestalten?

2. Zivilgesellschaftliche Organisationen stehen unter Veränderungsdruck – von außen und von innen

Das Spannungsfeld von „Bewahren“ und „Innovation“ finde sich auf vielen Ebenen wieder, wie Walter betont: In unserer Gesellschaft, im Handeln von Organisationen, aber auch in persönlichen Verhaltensmustern und Bedürfnissen. Zum einen blicke die Zivilgesellschaft auf lang entwickelte kulturelle Muster und Traditionen zurück. Dennoch schaffe der gesellschaftliche Wandel, etwa eine alternde Gesellschaft, auch die Notwendigkeit sich weiterzuentwickeln und Innovationen anzustoßen – auch nach innen.

Dabei betreffe dieser Veränderungsdruck nicht alle Organisationen in gleicher Weise: Einige Organisationen seien besonders von Überalterung betroffen – das gilt laut Prof. Walter etwa für Städtepartnerschafts-Vereine. Für die Zivilgesellschaft bedeute Innovation daher auch, sich in den eigenen Organisationsstrukturen zu wandeln und so gesellschaftlichen Veränderungen gerecht zu werden.

3. Engagement in der Daseinsvorsorge ist besonders in ländlichen Räumen von diesem Wandel betroffen

Andrea Walter betonte im Digitaltalk: Der Bedarf an Engagement in der Daseinsvorsorge wachse aufgrund verschiedener Entwicklungen, zum Beispiel klammer Haushaltskassen auf kommunaler Ebene und neuer gesetzlicher Regelungen (z.B. Rechtsanspruch auf Ganztag). Zugleich werde aber das Engagement der Babyboomer-Generation in den nächsten zehn Jahren deutlich nachlassen. Aktuelle Studien, wie der Freiwilligensurvey, zeigen, dass das Engagement älterer Menschen ab 75 Jahren deutlich abnehme, etwa wegen gesundheitlicher Gründe. Anhaltende Schwierigkeiten in der Vereinbarkeit von Engagement, Familie und Beruf verschärften laut Walter die Lage noch.

Daraus ergebe sich eine gravierende Herausforderung für Engagement und Daseinsvorsorge – besonders in ländlichen Räumen: Die Gefahr bestehe, dass Angebote der Daseinsvorsorge nicht mehr bestehen können. Solle Engagement hier unterstützen, kämen viele nachgelagerte Diskussionen auf, zum Beispiel über Monetarisierung, Anerkennungskultur oder verpflichtende Gemeinschaftsdienste. Dies könne den Charakter des Engagements und dessen Förderung nachhaltig verändern.

4. Mikroförderungen sind eine gute Idee – aber nicht für alle Organisationen zugänglich

Mit Blick auf ihre Kooperationsstudie mit dem Stifterverband, betonte Walter, dass Mikroförderungen für viele zivilgesellschaftliche Organisationen an Relevanz gewonnen hätten. Diese kleineren Beträge bis zu 5000 Euro könnten konkrete Veränderungen ermöglichen – etwa neue Ausstattung für Sportvereine, Veranstaltungen im Kultursektor oder kleine soziale Projekte, die sonst nicht realisierbar wären.

Die Studie zeigt deutlich, dass Mikroförderungen in der Praxis geschätzt werden, weil sie Engagement schnell und vergleichsweise unkompliziert unterstützen. Gleichzeitig ist der Zugang zu diesen Programmen ungleich verteilt. Vor allem rein ehrenamtlich organisierte Initiativen und Vereine hätten häufig Schwierigkeiten, passende Programme überhaupt zu finden oder die nötigen Anträge zu stellen. Hier brauche es eine bessere Vernetzung und Sichtbarkeit von vorhandenen Beratungsstrukturen.

Das ideale Mikroförderprogramm sollte aus ihrer Sicht möglichst wenig Aufwand für Antragstellung und Nachweispflichten benötigen und Ansprechpartner:innen bieten. Während eine thematische Fokussierung zwar Steuerungswirkung entfalte, führe sie auch oft zum Ausschluss von Organisationen oder erhöhtem Argumentationsaufwand.

5. Engagementförderung ist vielerorts etabliert – jetzt braucht es klare Rollen

Die Infrastruktur der Engagementförderung ist laut Andrea Walter in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen: Auf lokaler Ebene gebe es mittlerweile überwiegend Freiwilligenagenturen, kommunale Ansprechpartner:innen und Netzwerke – auch in ländlichen Räumen. Dazu bieten Landesministerien Unterstützung (z.B. Förderprogramme, Qualifizierungsangebote) und bundesweit hat sich die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) etabliert. Diese Entwicklung bewertet sie grundsätzlich positiv.

Die zentrale Herausforderung liege nun darin, mehr zum Zusammenspiel dieser Strukturen zu erfahren und dieses dann ggf. zu verbessern. Gerade vor Ort brauche es klare Rollen, verlässliche Zuständigkeiten und eine engere Zusammenarbeit zwischen Freiwilligenagenturen, kommunaler Verwaltung und weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren.

Unerlässlich ist dafür ein Verständnis von Augenhöhe, gemeinsame Verantwortungsübernahme und ein stärkerer Blick auf gesellschaftliche Veränderungen und neue Bedarfe. Freiwilligenagenturen könnten dabei eine wichtige Brückenfunktion zwischen Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft übernehmen.

Zur Person

Prof. Dr. Andrea Walter ist Professorin für Politikwissenschaft und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Ihre Forschungsschwerpunkt liegen vor allem auf der Zivilgesellschaft, bürgerschaftliches Engagement und Fragen der Daseinsvorsorge. Dabei beschäftigt sie vor allem die Frage von Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft vor Ort. 2024 erschien unter ihrer Mitherausgeber:innenschaft das Handbuch „Zivilgesellschaftliches Engagement und Freiwilligendienste“. Außerdem forschte sie etwa gemeinsam mit dem Kreis Lippe als Praxispartner von 2021 bis Ende 2024 in dem Projekt „SROI – Social Return on Investment“ zur Sicherung des Ehrenamts für die Zukunft im ländlichen Raum.